Als wir zum ersten Mal zum Union Lido kamen, war unsere älteste Tochter zwei Jahre alt. Unser Wohnwagen stand in einer kleinen Gasse in der Nähe des „Mare“, nicht weit vom „Hähnchenmann“, und sie hatte eine Beschäftigung gefunden, die sie offenbar für vollkommen ausreichend hielt: aus der Gasse auf die Hauptstraße laufen.

Also lief sie los. Immer wieder. Wir hinterher. Anfangs jedenfalls.

Denn ziemlich schnell merkten wir, dass wir nicht die Einzigen waren, die sie im Auge behielten. Einer hielt sie auf, wenn ein Auto kam. Ein anderer schickte sie wieder in unsere Richtung. Niemand hatte darüber gesprochen. Es passierte einfach.

Das ist ungefähr 25 Jahre her.

Inzwischen ist aus der Zweijährigen eine erwachsene Frau geworden. Der Hähnchenmann ist noch da, manches andere nicht mehr. Bars haben ihre Namen gewechselt, Restaurants sind gekommen, Grillplätze verschwunden, Wasserparks gewachsen. Auch wir sind nicht dieselben geblieben.

Und trotzdem gibt es diesen Moment jedes Mal wieder. Nach knapp zehn Stunden Fahrt biegen wir durch die Einfahrt, finden unseren Platz – und der Urlaub hat schon angefangen.

Wir wissen, welche Wege wohin führen, wo wir am Strand gerne liegen und wo wir morgens unseren Cappuccino trinken. Unsere Kinder wussten es irgendwann noch besser. Sie stiegen aus und verschwanden. Zu Freunden, zum Pool, zur Minidisco, später zum Beachvolleyball oder irgendwohin auf dem Platz.

Union Lido musste ihnen nicht mehr erklärt werden. Und uns auch nicht. Dass wir immer wiederkamen, hatte zunächst ganz praktische Gründe.

Der Strand war einer davon. Breit, flach, sandig, unkompliziert mit Kindern. Wir haben seitdem viele Strände gesehen – in Florida, auf Hawaii, in der Karibik, in Thailand, auf Bali, in Kroatien und anderswo. Für zwei Wochen Strandurlaub kennen wir bis heute keinen, der für uns besser funktioniert.

Der Platz bietet immer etwas. Was davon für uns wichtig war, hat sich genauso verändert wie der Platz. Miniclub und Kinderdisco, später Rutschen und lange Abende im Morbidosi, Beachvolleyball, Windsurfen und Freunde, Pilates oder Tuch-Yoga. Pizza und Eis funktionieren ohnehin in jedem Alter.

Vor allem aber brauchte niemand einen Plan. An einem neuen Ort beginnt Urlaub oft mit Orientierung: Wo ist der Supermarkt? Welcher Strand ist der richtige? Wo gibt es guten Kaffee? Was machen die Kinder? Hier waren diese Fragen längst beantwortet.

Urlaub begann nicht nach dem Ankommen. Er begann mit dem Ankommen.

Wir sagen immer noch Bar Blu

Das funktioniert auch deshalb, weil der Union Lido nicht versucht, so zu bleiben, wie er einmal war.

Als wir anfingen, dorthin zu fahren, gab es keine großen Rutschenanlagen, keine Burger, keinen Fahrradverleih und kein Dog Camp. Fahrräder wurden geschoben. Dafür gab es mehr Grillplätze und die „Pista Verde“ zum Rollschuhfahren. Manche Veränderungen haben wir begrüßt, über andere diskutieren wir bis heute.

Auch unsere Ansprüche haben sich verschoben. Heute bringen wir die Fahrräder mit und überlegen morgens, ob wir laufen, Yoga machen oder mit dem Rad durch die Lagune fahren. Der Platz hat für jede unserer Lebensphasen etwas angeboten. Aber nicht immer dasselbe.

Wiederkommen bedeutet deshalb nicht, zurück in die Vergangenheit zu fahren. Man kennt den Ort, ärgert sich darüber, dass etwas verschwunden ist, probiert etwas Neues aus – und irgendwann gehört auch das dazu.

Die Bar, in der wir seit Jahren unseren Cappuccino trinken, hieß einmal Bar Blu. Später Blu Bar. Heute heißt sie Lido 55. Wir sagen manchmal trotzdem noch Bar Blu.

Mit den Jahren bekommt fast jede Ecke ihre eigene Geschichte.

Da ist der Teich mit den Schildkröten. Die selbst getöpferte Eulentasse. Die Windsurf-Stunden mit Michi. Die Nacht, in der der Sturm über den Platz zog. Der Sommer, in dem jede freie Minute Volleyball gespielt wurde. Die Grillparty mit Freunden, zu der bis heute mein Kartoffelsalat gehört.

Einmal war sogar Opas Nadeldrucker dabei. Eine Facharbeit musste fertig werden, Urlaub hin oder her. Das Gerät ratterte durch die Seiten, während ringsherum der Campingbetrieb weiterging.

In einem anderen Sommer sammelten wir Pinienzapfen, um auszuprobieren, ob man die Kerne selbst herausbekommt und daraus Pesto machen kann. Man kann. Ob sich der Aufwand lohnt, ist eine andere Frage.

Die kleinen Rutschen im Aquapark Mare, deren Beschichtung sich mit jedem Sommer ein bisschen weiter verabschiedete. Bademützenpflicht. Der Reitplatz. Der Colour Run. Beach on Fire. Die Aufregung, als das Dog Camp gebaut wurde. Später unsere Lieblings-Burger genau dort. Und natürlich die Minidisco.

Noch mit Mitte zwanzig werden einige der Lieder mit einer Begeisterung mitgesungen, die außerhalb des Union Lido schwer zu erklären wäre. Nein: nicht zu erklären ist.

Einen Sommer lang gab es am Strand Spinnenwilli: der kleine Junge mit roten Haaren, in seiner anderen Identität ein Superheld mit Spinnenwilli-Fon, Wilma und dem schrecklichen Doktor Thang als Dauergegner. Ähnlichkeiten mit anderen Superhelden nicht zufällig. Jeden Nachmittag saßen dort fünf bis zehn Kinder und warteten darauf, dass seine Geschichte weiterging. Ich hatte keine Ahnung, wie sie weiterging. Das musste ich mir jeweils erst ausdenken.

Menschen kommen immer wieder. Ferienfreundschaften, die so unkompliziert sind, weil sie eben Ferienfreundschaften sind.

Große und kleine Dinge bleiben gleichberechtigt nebeneinander stehen. Der Sturm und die Eulentasse. Krankheiten und Kartoffelsalat. Der Nadeldrucker und die Minidisco.

Die Wege sind längst nicht mehr nur Wege. An ihnen hängen Dinge, die auf keinem Lageplan stehen. Meistens sprechen wir nicht einmal darüber.

Wenn die Geschichte weitergeht

Irgendwann hätte die Geschichte zu Ende sein können.

Die Kinder wurden größer. Niemand brauchte mehr Miniclub oder Kinderdisco. Und mit über zwanzig braucht man auch niemanden, der aufpasst, wenn man aus der Gasse auf die Straße läuft.

Später fuhren sie selbst weg. Mit Freunden, zum Studium, ins Ausland, auf eigene Reisen. Urlaub war nicht mehr automatisch etwas, das fünf Menschen gemeinsam machten.

Und trotzdem kommen sie immer wieder mit. Nicht jedes Jahr alle und nicht immer für zwei Wochen. Manchmal nur für ein paar Tage. Je nachdem, was gerade ins Leben passt.

Dann stehen plötzlich wieder drei, vier oder fünf Stühle vor dem Wohnwagen. Nur sitzen dort keine kleinen Kinder mehr. Man geht Pizza essen, trifft alte Freunde, liegt am Strand, spielt Volleyball oder trinkt einen Aperol. Und irgendwann läuft irgendwo ein Lied aus der Minidisco.

Es ist erstaunlich, wie wenig Würde erwachsene Menschen brauchen, wenn die richtigen ersten Takte erklingen.

Ursprünglich fuhren wir dorthin, weil der Platz für eine Familie mit kleinen Kindern hervorragend funktionierte. Die Kinder sind längst nicht mehr klein.

Den Grund, wiederzukommen, gibt es offenbar immer noch.

Spießer sein

Wenn man das alles so aufschreibt, fällt etwas auf.

Wir sind ziemlich genau zu den Campern geworden, über die wir selbst gerne lächeln. Zu denen, die seit Jahrzehnten auf denselben Platz fahren. Die immer in dieselbe Bar gehen und sie bei einem Namen nennen, den sie seit Jahren nicht mehr trägt. Die wissen, wo am Strand sie liegen wollen, erzählen können, was früher an welcher Ecke stand, und bei Veränderungen zuverlässig eine Meinung haben.

Es fehlen eigentlich nur die Gartenzwerge.

Von außen sieht man schließlich genau das: denselben Campingplatz, denselben Strand, dieselbe Bar. Was man nicht sieht, sind die 25 Jahre dazwischen.

Vielleicht machen wir uns über solche Dinge deshalb zu schnell lustig. Von außen lässt sich leicht einordnen, was jemand tut. Was es ihm bedeutet, sieht man nicht.

Gerade reisen wir wieder viel: nach Amerika, Asien, in die Karibik und durch Europa. Meistens mittlerweile ohne unsere Kinder. Wir haben neue Orte gesucht und ziemlich viele gefunden.

Und sind immer wieder zurückgekommen.

Nur die, die wandern, finden wieder zurück.

Für nächstes Jahr haben wir schon wieder geplant.