Wir wissen, dass es voll sein wird. Wir wissen, dass es heiß sein wird. Wir sind nicht mehr an Schulferien gebunden. Einen Rutschenpark brauchen wir nicht mehr, und ein Spa wirkt bei mehr als 30 Grad Außentemperatur auch nicht wie ein zwingender Grund für die Reise.

Wir reisen viel. Gerne weiter weg, am liebsten auf eigene Faust. Es gäbe genügend Alternativen.

Und trotzdem holen wir Mitte August unseren alten kleinen Wohnwagen heraus und brechen auf. Auf dem kürzesten Weg zum Meer. Nach Cavallino – zum Union Lido. Davor steht seit ein paar Jahren: „Der erste Fünf-Sterne-Campingplatz Italiens“.

Früher war schon das Packen ein anderes Unternehmen. Drei Kinder kamen mit, dazu Schwimmtiere, mehrere Zelte, ein SUP-Board, eine mobile Klimaanlage und viele Dinge, die für zwei Wochen Urlaub unverzichtbar erschienen.

Heute ist es weniger. Der größte Luxus sind unsere beiden Cross-Bikes. Wir legen sie zum Transport vorsichtig auf das Bett im Wohnwagen. Dann hängen wir ihn ans Auto.

Knapp zehn Stunden später – wir brauchen immer knapp zehn Stunden – besteht unser Leben im Wesentlichen aus dem, was auf diesen wenigen Quadratmetern Platz gefunden hat, plus Vorzelt und Stellplatz.

Kurze Hose. Zwei Gasplatten. Ein Besen.

Eine kleinere Welt

Das Leben auf dem Campingplatz ist kleiner als zu Hause. Vor allem in dem, was zur Auswahl steht.

Zu Hause könnte man den Keller aufräumen, die längst fällige Reparatur erledigen, Unterlagen sortieren, am Rechner noch etwas fertig machen. Man könnte im Garten arbeiten, jemanden besuchen oder eines dieser Projekte anfangen, die seit Monaten im Kopf herumliegen. Selbst wenn man nichts davon tut, sind die Möglichkeiten da.

Sie warten.

Auf dem Campingplatz stellen sich andere Fragen. Welches Gemüse brauchen wir heute Abend? Laufen, Yoga oder eine Runde mit dem Rad? Trinken wir den Cappuccino wie immer morgens bei Vianello und nachmittags im Lido 55 – oder weichen wir vom Ritual ab? Wann gehen wir an den Strand?

Wo wir unsere Decke ausbreiten, müssen wir immerhin nicht mehr entscheiden. Das ist seit Jahren geklärt.

Pizza holen oder ein Hähnchen? Mit welchem Hörbuch fange ich an?

Das sind keine wichtigen Fragen.

Und genau das ist gut.

Camping schafft den Alltag nicht ab. Wir kaufen ein, kochen, spülen, räumen auf. Wir fegen Sand und Piniennadeln aus dem Vorzelt und wissen, dass sie morgen wieder da sein werden.

Trotzdem fühlt sich dieser Alltag leichter an.

Eine Erklärung dafür ist ziemlich einfach: Man muss beim Camping nicht erst aufräumen. Man fährt schon aufgeräumt hin.

Nicht, weil im Vorzelt nichts herumliegt. Auch dort kann man Chaos produzieren. Aber vieles, was zu Hause Aufmerksamkeit verlangt oder irgendwann verlangen könnte, ist gar nicht erst mitgefahren.

Nur erklärt das noch nicht alles.

Schließlich fährt man auch ins Hotel mit einem Koffer. In einem guten Resort muss man sich sogar um deutlich weniger kümmern als auf dem Campingplatz. Niemand erwartet, dass man selbst kocht, spült oder den Boden fegt.

Und trotzdem ist es für uns nicht dasselbe.

Die eigene Welt, nur kleiner

Vielleicht liegt ein Teil des Unterschieds darin, dass man beim Camping zwar weniger hat, aber vieles davon das Eigene ist.

Das eigene Bett. Das eigene Kissen. Die eigene Bettdecke. Das Geschirr, das man schon zu Hause benutzt hat. Der Kaffee, den man mag. Die Lebensmittel, die man selbst einkauft. Wir lieben das frische Gemüse. Junge Bohnen. Zucchini, die man daheim niemals so klein ernten würde. Dazu etwas Parmaschinken, Sopressa con Aglio, reifen Parmesan.

Wenn wir morgens aufstehen, müssen wir nicht überlegen, wann es Frühstück gibt. Wenn wir um sechs schon einen Kaffee wollen, ist das unser Problem. Wenn wir abends erst um neun anfangen zu kochen, interessiert das niemanden.

Es gibt keinen Dresscode und keine Frage, ob kurze Hose und leicht verschwitztes T-Shirt gerade noch angemessen sind. Niemand räumt das Zimmer auf, während wir weg sind.

Wir müssen uns um mehr kümmern.

Aber wir müssen uns weniger einfügen.

Vielleicht ist genau das der Punkt.

Camping ist nicht einfach Urlaub mit weniger Komfort. Es ist das eigene Leben in kleiner. Dafür mit mehr Konzentration. Gerade weil manches, was daheim einfach ist, aufwändiger ist, fransen die Gedanken weniger aus.

Draußen

Und dieses kleinere, konzentriertere Leben findet zu einem großen Teil draußen statt.

Die Tür des Wohnwagens steht offen. Das Frühstück findet im Freien statt. Wir lesen draußen, kochen draußen, essen draußen. Der Besen steht draußen. Die Schuhe auch.

Und dann ist da das Meer.

Immer.

Direkt um die Ecke, ohne Häuser oder Straßen dazwischen. Manchmal hört man nachts das Rauschen. Zweihundert Meter durch die Wege des Campingplatzes, dann steht man am Strand.

Morgens ist er fast leer, tagsüber voller.

Zurück vom Strand sitzt man vor dem Wohnwagen und schaut.

Irgendjemand fährt mit dem Fahrrad vorbei. Ein Kind sucht seinen Ball. Jemand schiebt einen Wohnwagen auf den Stellplatz. Wir helfen. Zwei Plätze weiter wird gekocht. Es riecht nach Knoblauch.

Draußen zu leben heißt hier auch, dass vieles sichtbar bleibt.

Man sieht, wer gerade ankommt. Wer zum Strand geht. Wer kocht. Wer mit dem Fahrrad vorbeifährt. Wer seit einer halben Stunde versucht, seinen Wohnwagen zwischen zwei Pinien zu rangieren.

Die Grenze zwischen privat und öffentlich ist durchlässig.

Das hat nicht nur Vorteile.

Gehört aber dazu.

Keine Zimmertür

Besonders deutlich wird das bei den Menschen.

Auf einem Campingplatz kann man sich zurückziehen. Aber man verschwindet selten vollständig.

Es gibt keine Hotelflure, in denen Türen ins Schloss fallen und jeder dahinter für den Rest des Abends unsichtbar wird.

Beim Frühstück laufen Nachbarn vorbei. Man grüßt. Beim Kochen bleibt jemand kurz stehen. Ein Gespräch beginnt oft mit etwas völlig Belanglosem und dauert dann zwanzig Minuten.

Mit kleinen Kindern war das noch deutlicher.

Sie mussten nicht verabredet werden. Irgendwo tauchte ein anderes Kind auf. Dann noch eines. Ein Ball. Zehn Minuten später nicht mehr zu überblicken, wer zu wem gehörte.

Vielleicht ist das einer der größten Unterschiede zu vielen anderen Urlaubsformen: Der soziale Raum entsteht fast von allein.

Und manche dieser zufälligen Bekanntschaften verschwinden nicht wieder.

Aus Spielkameraden wurden Ferienfreunde. Aus Ferienfreunden wurden Freunde. Manche Menschen treffen wir inzwischen seit vielen Jahren.

Wie viel Camping muss Camping sein?

All das gilt nicht nur für unseren kleinen Wohnwagen.

Immer wieder sehen wir auf dem Union Lido Reisemobile, für deren Preis man anderswo eine Wohnung kaufen könnte. Umgebaute Reisebusse mit großer Küche, Klimaanlage und integrierter Garage.

Dann stehen mehrere Menschen draußen und dirigieren den Fahrer Zentimeter für Zentimeter zwischen zwei Pinien.

Am Ende steht der Bus schräg auf seinem Platz. Manchmal schlechter als unser kleiner Wohnwagen.

Der Baum bleibt stehen. Die Parzelle endet, wo sie endet. Dann beginnt die nächste. Zum Strand nimmt man denselben Weg.

Auch ein teurer Reisebus ist am Ende ein Campingmobil.

Die Frage nach dem „echten Camping“ führt nicht besonders weit.

Das idealisierte Bild zeigt ein kleines Zelt irgendwo in der Natur. Einen Fluss. Ein Lagerfeuer. Niemand in Sichtweite. Union Lido mit Wasserparks, Restaurants, Spa, Supermärkten und großen Reisemobilen scheint davon sehr weit entfernt.

Und natürlich gibt es Unterschiede.

Beim Zelt am Fluss fällt mehr weg als im Wohnwagen auf einem Fünf-Sterne-Platz. Im Reisebus reist mehr normales Leben mit als bei uns.

Aber das Grundprinzip bleibt ähnlich.

Eine begrenzte Fläche. Ein eigener kleiner Haushalt. Viel Leben draußen. Wenig Abstand zu den Menschen nebenan.

Die Fülle des Angebots, die ein Campingplatz wie der Union Lido bietet, ist riesig. Das erscheint wie das glatte Gegenteil des einfachen Campinglebens.

Aber all das ist Ergänzung, nicht Prinzip.

Manchmal will man abends nicht nur vor dem Wohnwagen sitzen. Manchmal wollen die Kinder lieber rutschen als am Strand im Sand buddeln. Manchmal will man ein wenig durch Läden bummeln. Und die Kinderdisco war fast zwei Jahrzehnte lang einfach ein Muss.

Die Fülle ist da. Aber sie erlaubt vor allem, die kleine Welt zwischendurch zu verlassen.

Wenn wir nicht kochen wollen, holen wir Pizza oder ein Hähnchen. Wenn wir am Abend einen Cocktail trinken und Livemusik hören wollen, gehen wir an die Strandbar.

Der Campingalltag bleibt trotzdem kompakt.

Ein paar Quadratmeter Wohnwagen, ein Vorzelt, ein Stellplatz. Unser Bett. Unser Kaffee. Unser Rhythmus.

Menschen, die vorbeikommen.

Das Meer gleich hinter den Wegen.

Kurze Hose. Zwei Gasplatten. Ein Besen.

Wir fahren nicht zum Union Lido, weil dort wenig ist.

Wir fahren auch nicht dorthin, weil wir dort nichts tun müssen.

Eher im Gegenteil.

Wir kochen. Wir spülen. Wir fegen. Wir kaufen ein. Wir kümmern uns um unseren kleinen Haushalt.

Aber es ist unser Haushalt.

Kleiner als zu Hause. Durchlässiger. Draußen. Näher an anderen Menschen.

Vieles, was sonst Aufmerksamkeit verlangt, ist gar nicht erst mitgefahren. Und was uns zwischendurch fehlt, liegt meist nur ein paar Schritte entfernt.

Vielleicht ist Camping nicht die bequemste Art, Urlaub zu machen.

Für uns ist es trotzdem eine der einfachsten.