In diesem Artikel

Wasser. Überall Wasser. Wasser mit unvorstellbarer Macht.

Das ist das Gefühl, das man hat, egal wo an den Niagara-Fällen man sich befindet. Fast ein wenig überraschend, denn vor und nach den Fällen fließt der Niagara River auf seinem Weg vom Eriesee zum Ontariosee ruhig, teilweise beinahe gemütlich dahin.

Aber wenn das Wasser donnernd über die Kanten bricht, ist es einfach großartig.

Kein Naturschauspiel. Eine Naturgewalt.

Wir haben fast jede Perspektive auf dieses Spektakel ausprobiert: von Amerika aus, von Kanada aus, von Plattformen, Treppen und Tunneln, vom Aussichtsturm und zweimal vom Boot. Wir haben Einweg-Regencapes in mehreren Farben getragen und unsere Gesichter in die Gischt gehalten.

In unserem kanadischen Hotelzimmer standen zwei Sessel nebeneinander vor dem Fenster. Wir saßen darin, aßen Take-out und sahen auf die Horseshoe Falls.

Wir wollten jede Möglichkeit, jeden Winkel und jeden Tropfen nutzen. Genau das würden wir wieder machen, sollten wir noch einmal hierherkommen.

Außen herum ist nicht alles schön. Hotel- und Wohngebäude stehen nahe am Wasser, dazu kommen ein Casino, Straßen, Parkplätze und sehr viel touristische Infrastruktur.

Aber wen kümmert das, solange man den Blick in Richtung der Wasserfälle lenkt?

Hier sind die Perspektiven, die wir ausprobiert haben – in der Reihenfolge unserer Reise von den USA nach Kanada.

Kurz gesagt

01 – Beide Seiten besuchen.

02 – Auf der amerikanischen Seite möglichst nah ans Wasser gehen.

03 – Die Grenze einmal zu Fuß überqueren.

04 – Auf der kanadischen Seite den großen Gesamtblick genießen.

05 – Mindestens eine Bootsfahrt machen. Zwei schaden auch nicht.

06 – Ein Hotelzimmer mit Blick auf die Horseshoe Falls buchen.

07 – Keine Angst vor Einweg-Regencapes haben.

Amerikanische Seite

Prospect Point

Prospect Point bietet den klassischen Blick auf die American Falls. Man steht oberhalb ihres östlichen Randes und schaut über die gesamte Breite des Wasserfalls. Auch Bridal Veil Falls und die kanadische Uferseite sind gut zu sehen.

Es ist ein guter Einstieg, um sich einen Überblick zu verschaffen. Danach kann man sich Schritt für Schritt näher an das Wasser heranarbeiten.

Niagara Falls Observation Tower

Der Aussichtsturm ragt vom Prospect Point weit über die Schlucht hinaus. Dadurch bietet er den vollständigsten Panoramablick der amerikanischen Seite auf alle drei Wasserfälle.

Aufzüge führen außerdem hinunter zur Bootsanlegestelle. Besonders schön ist der Blick am späten Nachmittag und zum Sonnenuntergang.

Maid of the Mist

Die amerikanische Bootstour startet unterhalb des Observation Tower. Sie führt zunächst an den American und Bridal Veil Falls vorbei und anschließend in den Gischtbereich der Horseshoe Falls.

Die Route unterscheidet sich kaum von der kanadischen Tagestour.

Trotzdem gibt es keinen zwingenden Grund, nicht beide zu machen.

Wenn man mittendrin ist, wirken die Wassermassen jedes Mal besonders. Und nach der ersten Tour weiß man immerhin schon, an welcher Stelle auf dem Boot man stehen möchte.

Cave of the Winds und Hurricane Deck

Ein Aufzug führt zum Fuß der Schlucht. Von dort verlaufen Holzstege und mehrere Plattformen unterhalb der Bridal Veil Falls.

Auf dem Hurricane Deck trifft ein Teil der herabstürzenden Gischt beinahe direkt auf die Besucher. Es ist die körperlich unmittelbarste Perspektive der amerikanischen Seite.

Luna Island

Die schmale Luna Island liegt direkt zwischen den American Falls und den Bridal Veil Falls. Man steht nahezu an beiden Abbruchkanten gleichzeitig und blickt hinunter auf die Stege der Cave of the Winds.

Hier wird deutlich, dass die Niagara-Fälle nicht aus einem einzigen Wasserfall bestehen. Das Wasser teilt sich auf, strömt an den Inseln vorbei und verschwindet wenige Meter später über der Kante.

Terrapin Point

Terrapin Point bietet den besten Blick der amerikanischen Seite auf die Horseshoe Falls. Man steht auf Goat Island unmittelbar neben dem amerikanischen Ende der großen Fallkante und sieht, wie die Wassermassen in die gekrümmte Form der Horseshoe Falls hineinströmen.

Die Perspektive ist nicht ganz so umfassend wie von der kanadischen Seite aus. Trotzdem ist dies vielleicht der eindrucksvollste Aussichtspunkt auf der US-Seite.

Wir waren unter anderem morgens beim Laufen hier und sahen einen vollständigen Regenbogen über dem Wasser – tatsächlich volle 360 Grad.

Zwischen den USA und Kanada

Rainbow Bridge zu Fuß

Die Fußgängerpassage über die internationale Rainbow Bridge bietet einen ungewöhnlich ausgewogenen Querblick: auf der einen Seite American und Bridal Veil Falls, auf der anderen die Horseshoe Falls und darunter die Schlucht mit den Ausflugsbooten.

Wir nutzten die Brücke auf unserem Weg von den USA nach Kanada.

Da man dabei eine Staatsgrenze überschreitet, gehören die regulären Einreiseformalitäten dazu. Reisepässe und gegebenenfalls notwendige Einreisedokumente sollten also nicht im Hotelzimmer liegen. Auf der amerikanischen Seite gibt es keine Ausreisekontrolle, was sich etwas seltsam anfühlt, wenn man die Prozedur am Flughafen gewohnt ist.

Der Grenzübertritt zu Fuß ist etwas umständlicher als ein gewöhnlicher Spaziergang, aber an sich schon ein Erlebnis.

Kanadische Seite

Queen Victoria Park und Niagara Parkway

Wie oft sind wir diese Promenade entlanggegangen?

Sie ist lang und bleibt trotzdem aufregend. Auf dem Weg zwischen Clifton Hill, Murray Street und Table Rock verändert sich die Perspektive kontinuierlich: von den American Falls bis zur großen Rundung der Horseshoe Falls.

Der Zugang ist frei und jederzeit möglich. Tagsüber flaniert hier ein vielfältiges Publikum und bleibt immer wieder gemeinsam staunend stehen. Abends kommen die Beleuchtung der Fälle und je nach Termin das Feuerwerk hinzu.

Table Rock – am Rand der Horseshoe Falls

Unmittelbar neben dem Table Rock Centre steht man praktisch an der Abbruchkante der Horseshoe Falls.

Hier sieht man weniger ihre gesamte Form als die ungeheure Menge Wasser, die nur wenige Meter entfernt über den Rand stürzt. Der Fluss wirkt bis kurz vor der Kante noch erstaunlich geordnet.

Dann ist jede Ordnung vorbei.

Journey Behind the Falls

Ein Aufzug führt rund 38 Meter durch den Fels hinab. Durch Tunnelöffnungen blickt man hinter die herabstürzende Wasserwand. Außendecks liegen seitlich am Fuß der Horseshoe Falls.

Natürlich wird man nass.

Der Blick aus den Tunneln ist weniger spektakulär, als der Name vielleicht vermuten lässt: Man sieht vor allem eine weiße, rasende Wand. Die Außendecks liefern die stärkeren Bilder.

Niagara Parks Power Station – The Tunnel

Wir waren am Abend hier. Zu den Wassermassen kamen die Beleuchtung im Tunnel und die illuminierten Fälle.

Vom ehemaligen Kraftwerk führt ein rund 670 Meter langer Ablaufstollen etwa 55 Meter unter der Erde zu einer Plattform direkt am unteren Niagara River. Von dort sieht man Horseshoe Falls und American Falls aus einer ungewöhnlich tiefen Perspektive.

Auch die Ausstellung und die Lichtshow in der Power Station sind sehenswert.

Man sollte allerdings genau auf die Zeiten achten: Der Zugang zum Tunnel und damit zur Plattform schließt deutlich früher als die Ausstellung. Außerdem darf man die Zeit für Aufzug, Tunnel und Staunen nicht unterschätzen.

Niagara City Cruises – Voyage to the Falls

Die etwa 20-minütige kanadische Bootsfahrt passiert zunächst American und Bridal Veil Falls und fährt anschließend in den Gischtkessel der Horseshoe Falls.

Tagsüber wird die vollständige „Full Mist“-Route gefahren. Und „Full Mist“ ist keine Übertreibung. Man wird garantiert nass.

Auch wer bereits mit der Maid of the Mist gefahren ist, erlebt keine bloße Wiederholung. Das Wetter, das Licht, der Standort auf dem Boot und die Verteilung der Gischt verändern den Eindruck. Außerdem hatten wir zu diesem Zeitpunkt bereits Übung im Umgang mit den Regencapes.

Skylon Tower Observation Deck

Vom Innenbereich und vom umlaufenden Außendeck des Skylon Tower sieht man alle drei Wasserfälle, ihre Lage zueinander, die Zuflüsse, die Gischtwolke und den weiteren Verlauf der Schlucht.

Erst von hier oben versteht man die gesamte Geografie.

Für Fotos eignet sich eher ein Teleobjektiv. Wir waren einmal am Nachmittag und ein zweites Mal zum Feuerwerk oben. Dafür gab es ein Kombiticket, das nur unwesentlich teurer war als ein einzelner Besuch.

Unsere Hotelempfehlung

Auf der kanadischen Seite übernachteten wir im Niagara Falls Marriott Fallsview Hotel & Spa.

Wir empfehlen es nicht wegen seiner Ausstattung. Auch nicht wegen des Spas. Den haben wir gar nicht gesehen.

Wir empfehlen es wegen der Aussicht.

In unserem Zimmer standen zwei Sessel direkt nebeneinander vor dem Fenster. Von dort blickten wir auf die Horseshoe Falls. Einmal holten wir uns Take-out, setzten uns in diese Sessel und sahen beim Essen zu, wie das Wasser über die Kante stürzte.

Ein Restaurant mit besserem Blick hätten wir nicht finden können.

Entscheidend ist deshalb nicht nur das Hotel, sondern die gebuchte Zimmerkategorie: möglichst weit oben und mit direktem Blick auf die Horseshoe Falls.

Was wir nicht gemacht haben

Einen Helikopterflug.

Wir dachten, besser könnte es kaum noch werden. Der Flug ist kurz, der organisatorische Aufwand nicht ganz gering und die dafür benötigte Zeit hätte uns gefühlt direkt an den Fällen gefehlt.

Wenn man später manche Videos sieht, kann man allerdings ins Grübeln kommen.

Vielleicht beim nächsten Mal.

Wieder so machen

Wir würden wieder beide Seiten besuchen.

Wir würden wieder zu Fuß über die Rainbow Bridge gehen – auch wenn es diesmal fast ein Muss war, weil wir nach Toronto weiterwollten.

Wir würden wieder mit dem Boot in die Gischt fahren. Vermutlich auch zweimal.

Und wir würden wieder in zwei Sesseln vor einem Hotelfenster sitzen, Take-out essen und auf die Horseshoe Falls schauen.

Denn an den Niagara-Fällen besteht die größte Herausforderung nicht darin, den besten Aussichtspunkt zu finden. Sondern sich irgendwann von ihm loszureißen.