Auf einer Schautafel an den Niagara-Fällen entdecken wir ein historisches Foto.
Im ersten Moment wirkt es wie eine misslungene Fotomontage. Über der Felskante stehen Fabrikhallen und Schornsteine. Dicke Rohre führen den Hang hinunter. Zwischen den Gebäuden schießt Wasser aus der Wand der Schlucht. Auf zwei Fassaden lassen sich die Namen der Unternehmen lesen: „Pittsburgh Reduction Company“ und „Cliff Paper Company“.
Es sieht aus, als habe jemand eine Industrielandschaft vor die Niagara-Fälle geklebt. Hat aber niemand.
Das Foto zeigt die amerikanische Seite der Niagara-Schlucht, etwas unterhalb der eigentlichen Fälle. Dort nutzten Mühlen und Fabriken schon früh die enorme Kraft des Wassers. Später kam die Elektrizität hinzu. Die Pittsburgh Reduction Company, aus der einmal Alcoa werden sollte, errichtete 1895 in Niagara Falls ein Werk zur Herstellung von Aluminium. Das neue Metall brauchte viel Strom, und den gab es hier reichlich.
Aus heutiger Sicht drängt sich eine Frage auf: Wie konnte man eine der spektakulärsten Landschaften der Welt so verbauen?
Die Antwort ist vermutlich ernüchternd einfach: Weil man sie damals anders ansah. Die Niagara-Fälle waren bereits eine Sehenswürdigkeit. Sie waren aber zugleich eine riesige, ständig laufende Kraftmaschine. Wasser fiel hier in unvorstellbaren Mengen nach unten. Es lag nahe, diese Energie zu nutzen. Und wenn man dafür Fabriken, Kanäle und Rohre unmittelbar an die Schlucht bauen musste, dann baute man eben Fabriken, Kanäle und Rohre unmittelbar an die Schlucht.
Praktische Energiequelle, schöne Aussicht inklusive.
Das historische Foto irritiert vor allem deshalb, weil wir die Niagara-Fälle heute anders kennen. Auf der amerikanischen Seite führen Wege durch einen grünen Park. Zwischen Bäumen öffnen sich Blicke auf Stromschnellen und Wasserfälle. Die Industrieanlagen des Fotos sind verschwunden. Wer heute dort steht, muss wissen, dass es sie gegeben hat, um sie sich überhaupt vorstellen zu können.
Das ist nicht zufällig so gekommen. Bereits im 19. Jahrhundert formierte sich die Bewegung „Free Niagara“. Zu ihren Unterstützern gehörten prominente Schriftsteller und Wissenschaftler. Sie wandten sich dagegen, dass private Betriebe, Zäune und kommerzielle Angebote den Zugang zur Landschaft bestimmten und die Aussicht verstellten. 1885 entstand die Niagara Reservation. Gebäude wurden entfernt, Sichtachsen wieder geöffnet und die Uferlandschaft umgestaltet.
Damit war die Industrialisierung der Niagara-Region keineswegs beendet. Im Gegenteil: Die verfügbare Wasserkraft machte sie zu einem bedeutenden Standort für Elektrizität, Metallurgie, Chemie und Papierproduktion. Die Fälle wurden nicht aus der technischen Welt herausgelöst. Ihr Wasser wird bis heute reguliert und zur Stromerzeugung abgeleitet.
Die Landschaft, die wir sehen, ist also nicht unberührte Natur. Sie ist auch das Ergebnis einer Entscheidung darüber, welche Spuren der Nutzung sichtbar bleiben sollen und welche nicht. Gerade deshalb finde ich das alte Foto optimistisch.
Es zeigt zunächst, wie gründlich Menschen eine Landschaft verändern können. Man kann Rohre über eine Felskante führen, Fabriken an eine Schlucht setzen und Wasserfälle zwischen Industriegebäuden verschwinden lassen. Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, erscheint vermutlich sogar das normal.
Das Foto zeigt aber indirekt noch etwas anderes: Es muss nicht so bleiben. Man kann einer Landschaft zumindest einen Teil dessen zurückgeben, was man ihr genommen hat. Das geschieht nicht von selbst. Es braucht politischen Willen, Geld, Planung und sehr viel Zeit. Und das Ergebnis ist selten eine Rückkehr zu einem ursprünglichen Zustand. Auch die heutigen Niagara-Fälle sind reguliert, touristisch erschlossen und von Städten umgeben.
Aber das historische Foto beweist, dass „bereits zerstört“ nicht zwingend „für immer verloren“ bedeuten muss.
Menschen können eine großartige Landschaft erstaunlich zuverlässig ruinieren. Sie können sich später aber auch erstaunlich viel Mühe geben, sie wiederherzustellen.

