Wir fahren mit dem Hop-on-Hop-off-Bus durch Philadelphia. Zwei volle Runden.
Bei der ersten überspringen wir den Stopp am Betsy Ross House.
„Wer ist Betsy Ross?“, fragen wir uns.
Bei der zweiten Runde steigen wir aus. Nicht zuletzt, weil der Innenhof nach einem netten Museumscafé aussieht. Ein Café gibt es dort zwar nicht, nur einen hübschen Platz und Getränke to go. Wir bleiben trotzdem.
Noch immer wundern wir uns: Wer war Betsy Ross? Und warum ist ihr ausgerechnet in Philadelphia ein eigenes Museum gewidmet – in jener Stadt, in der sich die junge Republik ihre politische Form gab, zwischen Independence Hall, Liberty Bell und Benjamin Franklin?
Das Haus ist klein. Schmale Treppen, niedrige Räume, knarrende Böden. Im Obergeschoss sitzt eine Frau im historischen Kostüm und näht. Neben ihr liegt eine amerikanische Flagge mit dreizehn Sternen, im Kreis angeordnet. Das Bild versteht man als Amerikaner:in sofort: eine Frau, eine Nadel, ein Stück Stoff – und die Geburt eines nationalen Symbols.
Beim Verlassen des Museums entdecken wir an einer Wand zwei Worte: „Be Brave“.
Erst draußen, mit unseren Getränken, beginnen wir die Geschichte von Betsy Ross wirklich zu erforschen.
Sie geht ungefähr so:
Im Jahr 1776 soll George Washington gemeinsam mit zwei weiteren Männern Betsy Ross in ihrem Haus besucht haben. Sie kannten sich vermutlich. Ross war Polsterin und fertigte auch Flaggen an. Washington zeigte ihr einen Entwurf für ein neues Banner. Sie soll Änderungen vorgeschlagen, einen fünfzackigen Stern mit einem einzigen Scherenschnitt vorgeführt und schließlich die erste amerikanische Flagge genäht haben.
Eine perfekte Geschichte. Vielleicht aber nicht die ganze Wahrheit. Oder nicht ganz die Wahrheit.
Denn zeitgenössische Belege dafür gibt es nicht. Bekannt wurde die Erzählung erst Jahrzehnte später durch die Familie von Betsy Ross. Ende des 19. Jahrhunderts verbreiteten Gemälde, Drucke, Schulbücher und patriotische Erziehung das Bild der jungen Frau, die unter den Augen George Washingtons die erste Flagge näht.
Historisch gesichert ist, dass Ross als Polsterin arbeitete und zu mehreren Frauen in Philadelphia gehörte, die während und nach der Revolution Flaggen herstellten. Ob gerade sie die erste nähte, lässt sich nicht beweisen.
Das Museum verschweigt diese Unsicherheit nicht. Und trotzdem sitzt oben die Frau im Kostüm und näht.
Das ist kein Widerspruch. Es ist vielleicht sogar der Kern der Geschichte. Denn Betsy Ross ist in Amerika nicht einfach eine historische Person. Sie ist eine Figur der nationalen Erinnerung. Ein Name, den amerikanische Kinder kennen.
So wie Paul Revere.
Einige Tage später werden wir ihm in Boston begegnen – und überall einem berühmten Vers aus Henry Wadsworth Longfellows Gedicht: „One if by land, and two if by sea“. Gemeint sind die Laternen im Kirchturm der Old North Church. Eine Laterne sollte anzeigen, dass die britischen Truppen über Land anrückten, zwei Laternen den Weg über den Charles River.
Auch diese Geschichte besitzt alles, was eine gute nationale Erzählung braucht: Nacht, Gefahr, ein geheimes Signal, einen Reiter und ein Land kurz vor der Revolution.
Paul Revere ritt tatsächlich los, um vor den britischen Truppen zu warnen. Aber er war nicht der einzige Reiter. Dutzende Menschen verbreiteten in jener Nacht den Alarm. Zum einsamen Helden wurde Revere vor allem durch Longfellows Gedicht, das erst knapp hundert Jahre später erschien und aus einer komplizierten, gemeinschaftlichen Aktion eine klare Geschichte mit einem einzigen Namen machte.
Betsy Ross und Paul Revere. Zwei Namen, die in Amerika fast jedes Kind kennt und die uns zunächst nichts sagen.
Vielleicht liegt darin ein Teil der Schwierigkeit, Amerika von außen zu verstehen. Wir kennen die großen Daten: Unabhängigkeitserklärung, Revolution, Verfassung, Präsidenten, Kriege. Aber wir kennen nicht unbedingt die kleinen Geschichten, in denen diese Geschichte weitergegeben wird.
Die Näherin mit der Flagge.
Der Reiter in der Nacht.
Der Felsen in Plymouth, an dem die Pilgerväter der Überlieferung nach an Land gingen.
Solche Geschichten sind überschaubar. Sie besitzen eine Handlung, ein klares Bild und meistens einen Helden oder eine Heldin. Man kann sie erzählen, malen, in Schulbücher drucken, in Museen aufführen und von Generation zu Generation weitergeben. Und im Grunde geht es um mehr als Geschichtsschreibung. Es geht darum, wie Amerika sich selbst sieht. Oder sehen möchte. In diesem Sinne ist es dann auch gleichgültig, ob jedes Detail einer Geschichte belegt werden kann.
In den Geschichten von Betsy Ross und Paul Revere geht es nicht nur um die Frage: Was ist passiert? Es geht auch darum, an welche Geschichten sich ein Land erinnern möchte und was diese Geschichten über das Land und seine Bürger:innen sagen sollen.
Betsy Ross ist dafür eine bemerkenswerte Heldin. Keine Präsidentin, keine Generalin, keine große Rednerin, sondern eine Handwerkerin. Eine Frau, die etwas herstellt. Vielleicht wurde ihre Geschichte auch deshalb so erfolgreich: weil sich die Gründung einer Nation in der kleinen, verständlichen Tätigkeit des Nähens erzählen lässt.
Philadelphia ist voll von solchen Figuren.
Benjamin Franklin ist historisch kaum zu übersehen: Drucker, Erfinder, Diplomat, Staatsmann – ein Mann, der fast zu viele Rollen für eine einzige Biografie besitzt.
Und dann ist da Rocky.
Eine Figur, die niemals gelebt hat und trotzdem zu den bekanntesten Söhnen der Stadt gehört. Menschen laufen seine Treppe hinauf, heben oben die Arme und fotografieren sich neben seiner Statue. Der fiktive Boxer ist längst zu einem öffentlichen Symbol Philadelphias geworden.
Franklin. Betsy Ross. Rocky.
Als wir das Betsy Ross House verlassen, wissen wir nicht, ob sie tatsächlich die erste amerikanische Flagge genäht hat. Aber wir verstehen ein wenig besser, warum Amerika möchte, dass sie es getan hat.
Und dann stehen da diese beiden Worte an der Wand: „Be Brave“.
Sie passen. Denn die Geschichte von Betsy Ross beschreibt Amerika nicht nur so, wie es angeblich war. Sie erinnert es auch daran, wie es sein möchte: mutig, erfinderisch, unabhängig – und bereit, aus ein paar einzelnen Stücken etwas Neues zusammenzusetzen.
