Washington blieb uns nicht als eine Geschichte in Erinnerung, eher als Folge von Bildern.
Regenbogenflaggen in Vorgärten. Ein obdachloser Veteran vor dem Weißen Haus. Gelbe Schulbusse rund um die National Mall. Ein Texaner, der Egon Schiele liebt und in seiner Heimat eine Pistole trägt. Tausende amerikanische Flaggen, die für Kopfschmerzen stehen. Und am Abend ein fast menschenleerer Park, in dem nur die Monumente bleiben.
Die Stadt rund um die Mall ist eine Art Collage. Sie ist Park, Museum, Bühne, Machtzentrum und nationale Selbsterzählung zugleich. Hier erklärt Amerika sich selbst. Und nicht immer in derselben Version.
Pride
Unser Weg vom Airbnb zum Weißen Haus führt durch Wohnviertel mit Backsteinhäusern und Souterrains. Es ist Pride Month.
An vielen Häusern hängen Regenbogenflaggen, manche klein und fast beiläufig, andere groß und demonstrativ. In einem Vorgarten steht ein aufblasbares Einhorn mit Regenbogenhorn.
Wir werden dieses Bild auf unserer Reise noch oft sehen: am Rockefeller Center in New York, in Boston, in Provincetown sowieso.
Nichts daran wirkt versteckt. Nichts sieht nach einer mutigen Geste in feindlicher Umgebung aus. Natürlich sehen wir als Reisende nur die Oberfläche. Gesellschaftliche Veränderungen verlaufen schleichend, politische Entscheidungen wirken nicht immer sofort im Alltag, und ein paar bunte Straßenzüge sind kein Beweis für die Freiheit eines ganzen Landes.
Trotzdem bleibt der Eindruck: Vielleicht ist Amerika auch in politisch aufgeladenen Zeiten vielfältiger und freier, als unser europäischer Blick manchmal vermuten lässt. Vielleicht fixieren wir uns so stark auf die lauten Konflikte, dass wir übersehen, wie viel Verschiedenheit im Alltag weiterhin selbstverständlich gelebt wird.
Wenig später stehen wir vor dem Weißen Haus.
Der Veteran
Direkt gegenüber dem Zaun, am Rand des kleinen Parks, hat ein obdachloser Veteran sein Lager aus Kartons, Decken und gesammeltem Müll aufgeschlagen. Auf Pappschildern stehen in krakeliger Schrift politische Botschaften.
Auf der anderen Straßenseite liegt der makellos gepflegte Rasen des Weißen Hauses. Weiße Kolonnaden, eine Laterne, ein Gebäude, das jeder kennt. Zwischen Kartons und Zaun kaum zehn Meter.
In München hätte die Polizei den Veteranen vermutlich längst an einen anderen Ort gebracht. Freundlich. Diskret. Aber bestimmt. In Washington bleibt der Widerspruch stehen: die politische Macht auf der einen Straßenseite, der Mann, der einmal für dieses Land gedient hat und nun vor seinem Präsidenten aus Kartons lebt, auf der anderen.
Gelbe Busse
Rund um die National Mall stehen überall gelbe Schulbusse. Sie kommen in langen Reihen, Türen öffnen sich, Kinder steigen aus: Grundschüler, Jugendliche, ganze Schulklassen mit farbigen T-Shirts, Lunchpaketen und Lehrkräften, die versuchen, ihre Gruppen zusammenzuhalten. Auch ausländische Besucher sind da, aber vor allem Amerikanerinnen und Amerikaner.
Washington ist keine typisch amerikanische Stadt, jedenfalls nicht rund um die Mall. Dort wirkt sie wie ein riesiger öffentlicher Park, in dem das Land seine Geschichte erzählt – von Monument zu Monument, von Museum zu Museum. Sogar die Eintritte sind meistens frei.
Hier stehen die großen Erzählungen nicht hinter Glas. Man kann durch sie hindurchlaufen. Kinder sitzen auf Treppenstufen und essen Sandwiches. Jogger passieren Denkmäler. Schulklassen lassen sich erklären, was Amerika war, was es ist und was es sein sollte.
Und unmittelbar daneben wird Politik gemacht, die nicht nur dieses Land betrifft.
Von oben
Wir sind früh dran. Das sind wir ja fast immer.
Deshalb kommen wir gleich zu Beginn unseres Besuchs auf das Washington Monument. Der Aufzug bringt uns hinauf, und von oben wird die Ordnung sichtbar, die man unten nur abschnittsweise erlebt. Die Mall ist nicht einfach eine Ansammlung bedeutender Gebäude. Sie ist eine Komposition aus Achsen und bewusst gesetzten Gegenüberstellungen.
Am eindrucksvollsten ist die große Ost-West-Linie: im Osten das Capitol, davor Ulysses S. Grant, dann die lange Rasenfläche, das Washington Monument, das World War II Memorial, der Reflecting Pool und am westlichen Ende Lincoln, sitzend, ernst, fast tempelartig entrückt. Zusammen eine nationalhistorische Satzfolge:
Washington gründet. Lincoln bewahrt. Grant kämpft. Das Capitol führt fort.
Das Capitol dominiert dabei. Das Weiße Haus wirkt überraschend klein. Es liegt nahe an der Mall, aber irgendwie daneben: nicht weit genug entfernt, um eine eigene Welt zu bilden, und nicht nah genug, um ganz Teil der großen Komposition zu sein.
Vielleicht erzählt die räumliche Ordnung noch von der Absicht der Gründer: Im Zentrum steht nicht der Präsident, sondern der Kongress. Nicht eine einzelne Person, sondern die Legislative. Die politische Wirklichkeit wirkt heute oft anders. Vielleicht hat die Wirklichkeit die Architektur überholt.
Der Krieg, den wir kaum kennen
Eines der Memorials, das uns am stärksten in Erinnerung bleibt, ist nicht das Washington Monument, nicht Lincoln und nicht einmal Vietnam.
Es ist das Korean War Veterans Memorial. Der Koreakrieg verschwindet in unserer europäischen Wahrnehmung hinter Vietnam. Vielleicht kennt man den groben historischen Zusammenhang, vielleicht den 38. Breitengrad, Nord- und Südkorea, den Waffenstillstand ohne Friedensvertrag. Aber kaum Bilder, kaum Namen, kaum persönliche Geschichten.
Das Memorial durchbricht diese Distanz.
Neunzehn Soldaten bewegen sich scheinbar durch unwegsames Gelände. Sie tragen Ponchos, ihre Gesichter sind angespannt. Einige schauen zur Seite, andere nach vorn. Die Gruppe wirkt nicht heroisch, sondern vorsichtig, erschöpft, unsicher. In der polierten Granitwand spiegeln sich die Figuren und werden optisch verdoppelt. Aus neunzehn werden achtunddreißig – eine Anspielung auf den 38. Breitengrad.
Aber man muss diese Bedeutung nicht kennen, um die Wirkung zu spüren.
Ein Texaner vor der Bibliothek
Wir warten vor der Library of Congress auf den gebuchten Zeitslot. Am Nachbartisch sitzt ein Amerikaner. Ende fünfzig, sehr gepflegt. Wir kommen ins Gespräch. Er stammt aus dem Süden von Texas und verbringt einige Tage als Tourist in der Hauptstadt. Natürlich hat er Verwandte in Deutschland. Er interessiert sich für deutschen und österreichischen Expressionismus.
Egon Schiele.
Wir sprechen über Kunst, dann über die Börse. Offenbar verdient er Geld mit Investments.
Irgendwann erzählen wir von einer Irritation, die uns in Washington immer wieder begegnet. An den Eingängen der Museen stehen Schilder, dass man die Gebäude nicht mit einer Waffe betreten darf. Irritierend ist nicht, dass Waffen im Museum verboten sind. Irritierend ist, dass die Schilder offenbar davon ausgehen, dass manche Besucher bis zu diesem Punkt durchaus eine Pistole bei sich tragen.
Der Texaner findet daran wenig überraschend. In Texas trage er selbst eine Waffe. Das sei vernünftig.
Wir tasten uns weiter vor: Immigration, Preise, Bezahlbarkeit, Politik. Allmählich wird klar, dass er ein überzeugter Unterstützer der politischen Linie Donald Trumps ist.
Da sitzt er nun, der bewaffnete Trump-Anhänger aus Texas, und spricht mit uns über Egon Schiele.
Als unser Zeitslot näher rückt, verabschieden wir uns herzlich. Zurück bleibt das Gefühl, dass gerade eines unserer sorgfältig gepflegten MAGA-Klischees geplatzt ist.
Nicht vollständig. Aber hörbar.
Warnung vor der Geschichte
Auf der Mall erzählt Amerika seine Geschichte nicht nur durch Monumente, sondern auch in seinen Museen. Und ein Jahr nach unserem Besuch streitet es darüber, welche Geschichte dort erzählt werden darf.
Stellen wir uns folgendes Bild vor: Vor dem Eingang eines staatlich finanzierten Geschichtsmuseums steht ein Schild, das sinngemäß erklärt, die Kuratorinnen und Kuratoren im Inneren liebten ihr Land nicht genug und ihre Ausstellung sei deshalb mit Vorsicht zu betrachten.
Comedy? Kunstinstallation? Vielleicht bald Realität an der National Mall.
Die Regierung wirft dem Smithsonian vor, amerikanische Geschichte zu kritisch, zu „woke“ und zu wenig patriotisch darzustellen. Besonders das National Museum of American History geriet ins Zentrum der Auseinandersetzung. Geplant sind Hinweise vor dem Museum, die Besucherinnen und Besucher auf angeblich problematische oder ideologisch verzerrte Darstellungen im Inneren aufmerksam machen sollen.
Ein Geschichtsmuseum an der National Mall, vor dem die eigene Regierung vor der Geschichtsauffassung des Museums warnt.
Selbst für Washington ist das ein bemerkenswertes Bild.
Was uns während unseres Besuchs aufgefallen war, war aber etwas anderes. Nicht der Inhalt erschien uns außergewöhnlich progressiv, kritisch oder „woke“. Die Präsentation wirkte konventionell. Während draußen und in Washington über „woke“ Geschichtserzählung gestritten wird, sieht es innen eher so aus: Inhaltlich vielfältig, gestalterisch aber nicht unbedingt cutting edge.
Flaggen gegen Kopfschmerzen
Vor dem Capitol ist eine große Rasenfläche mit Tausenden kleiner Fähnchen bedeckt.
Wir denken sofort an Soldaten, Veteranen, Gefallene, vielleicht an eine politische Kampagne. Das liegt nahe. In Washington haben Flaggen selten nur dekorative Funktion. Wir gehen näher.
Es geht um Kopfschmerzen. Um Migräne und chronische Schmerzformen.
Die verschiedenen Fähnchen symbolisieren unterschiedliche Gruppen von Betroffenen. Für die Veteranen gibt es sogar eine amerikanische Flagge.
Wir brauchen einen Moment.
Das Verhältnis der Amerikaner zu ihrer Flagge ist offenbar anders, als wir es aus Deutschland erwarten. Sie kann für Krieg stehen, für Protest, Stolz, Trauer oder eine Wahlkampagne. Und offenbar auch für Migräne.
Nach Einbruch der Dunkelheit
An unserem dritten Abend möchte ich noch einmal zur Mall. Zum Fotografieren. Blaue Stunde.
Wir nehmen das Auto.
Der Unterschied zum Tag ist dramatisch. Die gelben Busse sind verschwunden. Keine Schulklassen, kaum Touristengruppen, wenige Spaziergänger. Keine Straßencafés, obwohl es ein lauer Sommerabend ist.
Die großen Rasenflächen liegen fast leer. Die Monumente stehen weiterhin beleuchtet in der Landschaft, aber das Publikum ist nach Hause gegangen.
Amerika. Sobald es dunkel wird, geht man nach innen. Die Leere ist nicht ganz friedlich. Sie wirkt eher leicht verunsichernd. Man beginnt, die Entfernung zum Auto abzuschätzen, und achtet genauer auf einzelne Personen. Der öffentliche Raum, der tagsüber so großzügig und selbstverständlich wirkte, verliert mit dem Licht auch etwas von seiner Sicherheit.
Ich mache schnell ein paar Fotos. Sehr schöne Fotos.
Dann fahren auch wir zurück ins Apartment.
