Am Morgen sitzen wir vor dem Wohnwagen. Etwas besser angezogen als sonst auf dem Campingplatz, Cappuccino, vielleicht überlegen wir noch, was wir am Abend kochen. Und tatsächlich sind wir schon etwas gespannt.
Ein paar Stunden später stehen wir in Venedig vor einem aufgeschnittenen Fußboden im Deutschen Pavillon.
2022 hatte Maria Eichhorn für Relocating a Structure Teile des Gebäudes freilegen lassen. Unter dem heutigen Pavillon wurden Spuren des ursprünglichen Baus sichtbar – und damit auch die Geschichte seiner Umgestaltung von 1938, als aus dem früheren Bayerischen Pavillon ein Bau wurde, der der Ästhetik des nationalsozialistischen Deutschland entsprechen sollte.
Vom Wohnwagen zur Biennale.
Das klingt vielleicht ungewöhnlich. Ist es aber nicht.
Vom Union Lido fahren wir nach Punta Sabbioni, steigen aufs Vaporetto und wenig später bei den Giardini aus. Wir sind damit nicht allein. Auf den Booten sitzen Badegäste, Tagesausflügler, Menschen mit Biennale-Taschen und andere, bei denen man nicht weiß, wohin sie unterwegs sind.
Es gibt keinen Grund, warum Camping und zeitgenössische Kunst nicht zusammenpassen sollten. Das tun höchstens die Klischees über die Menschen, die das eine oder das andere machen.
Klischees halt.
Was soll uns das sagen?
Wir halten uns nicht für Kunstexperten. Aber wir mögen Kunst. Beide. Obwohl unsere Zugänge dazu auf den ersten Blick recht unterschiedlich sind.
Angie beginnt schon auf dem Gelände zu recherchieren. Wer ist die Künstlerin? Was ist der Hintergrund? Warum hängt dieses Ding dort? Was bedeutet dieses Material? Sie liest den Online-Katalog, sucht im Netz und fragt inzwischen auch ChatGPT.
Irgendwann kommt fast immer die Frage, die man bei zeitgenössischer Kunst oft hört:
Was will die Künstlerin damit sagen?
Ich bin in den vergangenen Jahren etwas vorsichtiger mit dieser Frage geworden. Nicht, weil sie falsch wäre. Aber manchmal interessiert mich zuerst etwas anderes: Warum lässt mich dieses Kunstwerk nicht einfach weitergehen?
Das ist zugegeben keine besonders präzise Kategorie. Für jemanden mit einer Ausbildung in theoretischer Physik sogar verdächtig unpräzise.
Aber manchmal versteht man ein Werk und es lässt einen trotzdem kalt. Manchmal versteht man es zunächst überhaupt nicht und es lässt einen nicht mehr los. Und manchmal zeigt sich erst Stunden oder Tage später, dass etwas hängen geblieben ist.
Eine Maschine, die lebt
Im koreanischen Pavillon 2022 stand eine riesige schwarze Konstruktion im Raum.
Schläuche, Ketten, mechanische Elemente, Licht. Alles verschlungen, fast wie ein Drache. Und das Ding bewegte sich. Nicht spektakulär schnell. Eher so, dass man irgendwann anfing, ihm eine Art Eigenleben zuzuschreiben.
Das Werk gehörte zu Yunchul Kims Gyre. Kim verbindet in seinen Installationen Naturwissenschaft, Technik, Philosophie und Mythologie. Seine Maschinen verändern sich fortlaufend und reagieren auf ihre Umgebung.
Natürlich kann man nachlesen, was dahintersteckt. Wir haben es auch getan.
Aber zuerst standen wir einfach davor.
Uns gefiel die Verbindung aus technischer Komplexität und der Ruhe des koreanischen Pavillons. Die Maschine war kompliziert, der Raum klar. Bewegung und Stillstand gleichzeitig.
Das blieb.
Deutschland
Der Deutsche Pavillon war noch bei keinem Besuch unser Lieblingspavillon. Allein die letzten drei Biennalen geben eine Idee davon, warum das so ist.
2022 die freigelegte Architektur von Maria Eichhorn.
2024 Thresholds. Ersan Mondtag stellte der Monumentalität des Gebäudes eine persönliche Geschichte von Migration, Familie und Zugehörigkeit gegenüber. Der deutsche Beitrag beschäftigte sich mit Übergängen, Vergangenheit und einer unklaren Zukunft. Sehr bildkräftig, aber auch sehr bedrückend.
2026 dann Ruin.
Henrike Naumann und Sung Tieu beschäftigen sich darin mit ostdeutscher Geschichte, verschwundenen Orten, Nachwendezeit, Migration, rechter Gewalt und Erinnerung. Naumann arbeitet mit Möbeln und Innenräumen, also mit Dingen, die zunächst privat und harmlos wirken, und macht daraus politische Räume.
Fast der ganze Raum war in diesem eigenartigen Grün gehalten, das sofort Erinnerungen an öffentliche Gebäude, Kasernen oder Einrichtungen der DDR wachruft. Möbel hingen an den Wänden. Räume wirkten zusammengedrückt und verschoben.
Schön war das nicht. Sollte es vermutlich auch nicht sein.
Der Deutsche Pavillon ist häufig schwere Kost. Auffällig oft beschäftigt er sich mit der eigenen historischen Last. Leichtigkeit erwarten wir dort nicht mehr.
Trotzdem schauen wir jedes Mal besonders genau hin.
Wir möchten wissen, was unser Land von sich selbst erzählt.
Ein Kopf voller Vögel
2026 standen wir im Arsenale vor einer Figur von Nick Cave.
Ein menschlicher Körper. Darüber, dort wo der Kopf sitzen sollte, ein Geflecht aus Ästen und Zweigen, in dem Vögel sitzen.
Caves Werkgruppe Two Points in Time – At Once beschäftigt sich mit Trauer, Erinnerung und Verlust. Äste, Blumen und Vögel gehören zu diesem Bildraum.
Das wussten wir zunächst nicht.
Angie sah die Figur und sagte sinngemäß:
So fühlt sich mein Kopf an.
Die Äste sind mein Hirn. Und ständig setzt sich irgendwo ein neuer Gedanke als Vogel hinein und flattert herum.
Ob Nick Cave genau das sagen wollte, wissen wir nicht.
Aber das ist völlig egal.
Das Kunstwerk hatte etwas gefunden, das längst in Angies Kopf vorhanden war. Das Bild begleitet sie noch heute.
Und spätestens an diesem Punkt liegen unsere beiden Zugänge zur Kunst gar nicht mehr so weit auseinander.
Nicht alles muss gefallen
Natürlich funktioniert das nicht immer.
Wir laufen auf der Biennale auch an Dingen vorbei, bei denen wir trotz Beschreibung, Online-Katalog und bestem Willen nicht viel empfinden. Manchmal lesen wir einen langen Text und verstehen danach weniger als vorher. Manchmal verstehen wir die Absicht und finden das Werk trotzdem langweilig.
Und zusammengeflickte Wandteppiche können uns beide bis heute nicht hinter dem Ofen hervorlocken.
Das gehört dazu.
Eine Biennale ist kein Museum, in dem jemand bereits entschieden hat, welche Arbeiten sich über Jahrzehnte bewährt haben. Vieles ist neu. Manches provoziert. Manches scheitert für uns vollständig.
Und manches verfolgt uns den Rest des Tages.
Seaworld Venice
2026 war das besonders deutlich im Österreichischen Pavillon, vor dem sich lange Schlangen bildeten.
Florentina Holzinger hatte dort Seaworld Venice eingerichtet. Eine Mischung aus Performance, Theater, Installation, Wasser, Technik und menschlichen Körpern. Der Pavillon wurde zu einer Art Kreuzung aus Unterwasser-Vergnügungspark, Kläranlage und sakralem Raum. Es ging um Reinheit und Verschmutzung, Körper und Abfall, Natur und Technik.
In den Performances bewegten sich nackte Frauen durch diesen Raum. Es war körperlich, direkt, manchmal unangenehm.
Fotografieren durfte man nicht.
Das war gut so.
Wir gingen hinaus und redeten darüber. Später wieder. Und am Abend noch einmal.
Wir waren beide ein wenig aufgeregt und ein wenig verstört.
Genau sagen, warum, konnten wir nicht.
Was bleibt
Nach einem Biennale-Tag sind wir meistens müde. Nicht nur von den Kilometern.
Man hat sehr viel gesehen. Räume, Bilder, Maschinen, Körper, Videos, Stimmen. Manche Dinge verschwinden sofort wieder. Andere tauchen Stunden später plötzlich auf.
Angie liest dann oft noch weiter. Ich lasse die Bilder eher liegen und warte ab, welche wiederkommen.
So weit auseinander sind diese beiden Methoden vermutlich gar nicht. Sie sucht nach dem, was die Künstlerinnen und Künstler in ihre Werke hineingelegt haben. Ich warte darauf, was davon bei mir hängenbleibt.
Nicht selten treffen sich beide Wege.
Am Abend bringt uns das Vaporetto zurück nach Punta Sabbioni. Dann sind da wieder die Campingplätze, die Fahrräder, die Restaurants, der Wohnwagen.
Vielleicht machen wir noch etwas zu essen. Vielleicht trinken wir einen Aperol Spritz.
Und manchmal reden wir immer noch über einen Mann, aus dessen Kopf ein Baum wächst und in dem Vögel sitzen.
Dann war es ein guter Biennale-Tag.



