Einen Sommer war Spinnenwilli ganz groß am Strand. Jeden Nachmittag sammelten sich fünf bis zehn Kinder auf unserer Decke und darum herum und riefen im Chor: Spinnenwilli! Ich musste improvisieren und erzählen. Zu dieser Zeit war ich manchmal ziemlich erschöpft von meinem Beruf. Vielleicht lag es daran, dass Spinnenwilli ein Superheld wurde, der immer müde davon war, ständig die Welt zu retten. Im Gegensatz zu den Superschurken, mit denen er sich herumschlagen musste, waren meine Gegner eher Termine, Budgets und manchmal Kolleg:innen, die eine andere Mission als ich selbst hatten. Meinem Publikum war das natürlich egal. Es wollte nur eine Geschichte hören. Von Spinnenwilli, Doktor Thang und einer grünen Tür mit einem rosa Herzchen.
Eigentlich wollte Willi nur Urlaub machen
Spinnenwilli war neun Jahre alt, hatte rötliche Haare, eine knubbelige Nase und so viele Sommersprossen, dass niemand sie zählen konnte.
Außerdem war er fast immer müde.
Welt retten macht nämlich müde. Besonders wenn man zwischendurch auch noch zur Schule gehen, Hausaufgaben machen und ein ganz normaler neunjähriger Junge sein soll.
Willis größter Wunsch war deshalb nicht, berühmt zu werden oder noch tollere Kräfte zu bekommen.
Er wollte einfach einmal eine ganze Woche Urlaub machen.
Sieben Tage.
Ohne Monster. Ohne Superschurken. Ohne Weltbeherrschungsmaschinen.
Und vor allem ohne das Spinnenwilli-Fon.
Das Spinnenwilli-Fon sah auf den ersten Blick aus wie ein ganz normales Telefon. Seine Nummer kannten aber nur die allerwichtigsten Menschen der Welt. Regierungschefs, Polizeipräsidenten und einige andere Leute, die Willi meistens nur dann anriefen, wenn irgendwo etwas ganz gewaltig schiefgegangen war.
Wenn das Spinnenwilli-Fon klingelte, wusste Willi deshalb schon vor dem Abheben zwei Dinge.
Erstens: Irgendwo war die Welt in Gefahr.
Zweitens: Mit seinem Urlaub war es wahrscheinlich wieder vorbei.
Warum ausgerechnet ein neunjähriger Junge für solche Dinge zuständig war, wussten die allerwichtigsten Menschen der Welt vermutlich selbst nicht.
Es hatte mit Willis Geheimnis zu tun.
Willi konnte Dinge, die andere neunjährige Jungen nicht konnten. Er konnte sich unglaublich geschickt bewegen und aus seinen Händen klebrige Fäden schleudern, die beinahe überall hielten. Mit ihnen konnte er sich hochziehen, über Abgründe schwingen, Dinge festkleben oder jemanden so einwickeln, dass selbst Doktor Thang nicht mehr davonkam.
Meistens jedenfalls.
Woher diese Fähigkeiten kamen?
Das wusste niemand so genau.
Nicht einmal Willi.
Nur seine beste Freundin Wilma wusste überhaupt davon. Wenn es nötig war, half sie ihm als Spinnenwilma. Besondere Kräfte hatte sie keine. Dafür dachte sie meistens etwas länger nach als Willi, bevor sie irgendwo hineinsprang.
Was oft nützlich war.
Leider gab es auf der Welt ziemlich viele Menschen, die fanden, dass gerade sie sie beherrschen sollten. Der schlimmste von ihnen war Doktor Thang. Gemeinsam mit seiner Partnerin Thangine erfand er Maschinen, Roboter und Pläne, die meistens sehr kompliziert waren und fast immer damit endeten, dass Doktor Thang der Herrscher der Welt werden wollte.
Willi verstand nicht, warum jemand unbedingt die Welt beherrschen wollte.
Ihm hätte es schon gereicht, einmal sieben Tage lang in Ruhe gelassen zu werden.
Diesmal sollte es endlich funktionieren.
Willi war nach Beijing gereist. Extra ganz weit weg. Er hatte seinen Fotoapparat dabei, einen Reiseführer und einen ziemlich genauen Plan für seinen ersten Urlaubstag: Kaiserpalast anschauen, etwas essen, vielleicht noch ein Eis.
Keine Monster. Keine Roboter. Kein Doktor Thang.
Willi gähnte.
Dann klingelte das Spinnenwilli-Fon.
Er sah es an.
„Nein.“
Es klingelte weiter.
„Ich bin im Urlaub.“
Das Spinnenwilli-Fon ließ sich davon nicht beeindrucken.
Willi ließ es noch dreimal klingeln.
Dann nahm er ab.
Am anderen Ende war einer der allerwichtigsten Menschen Chinas. Über Beijing, erklärte er, schwebten riesige Raumschiffe. Monsterroboter landeten mitten in der Stadt. Die Polizei wusste nicht mehr weiter.
Nur Spinnenwilli könne helfen.
Natürlich.
Willi steckte seinen Reiseführer zurück in den Rucksack.
„Nicht einmal einen Tag“, murmelte er. „Ich wollte doch nur einen einzigen Tag.“
Dann zog er seinen Spinnenwilli-Anzug an und rannte los.
Die fliegende Untertasse
Über dem großen Platz vor dem Kaiserpalast schwebte eine riesige silberne Untertasse. In ihrer Mitte leuchtete eine blaue Öffnung. Daraus kamen Monsterroboter auf die Erde herunter.
Sie waren ungefähr so hoch wie ein Omnibus, hatten vier Arme, riesige Greifzangen und Kreissägen.
Willi sah nach oben.
„Natürlich Kreissägen.“
Er kletterte auf das Dach eines Gebäudes und schleuderte einen Spinnenfaden zur Untertasse.
Der Faden traf die silberne Oberfläche.
Und fiel wieder herunter.
Willi starrte ihn an.
Das war neu.
Er probierte es ein zweites Mal. Wieder nichts.
Beim dritten Versuch lehnte er sich ein bisschen zu weit vor und rutschte vom Dach. Im letzten Augenblick erwischte sein Faden einen kleinen Turm, und Willi zog sich wieder hoch.
Jetzt wusste er, was „beinahe überall“ bedeutete. An den Untertassen klebten seine Fäden nicht.
Er setzte sich für einen Moment auf die Dachkante und gähnte. Dann dachte er nach.
Unten auf dem Platz entdeckte er einen Jungen mit einem Trampolin. Willi kletterte hinunter, zeigte nach oben, dann auf das Trampolin und anschließend wieder zur Untertasse.
Der Junge sah ihn ratlos an.
Willi machte eine Sprungbewegung.
Nichts.
Er hüpfte.
Der Junge grinste.
Willi hüpfte höher und zeigte dabei nach oben.
Jetzt verstand der Junge.
Gemeinsam schoben sie das Trampolin unter die blaue Öffnung. Willi sprang einmal, zweimal und beim dritten Mal so hoch, dass ihm kurz der Gedanke kam, dass das vielleicht doch keine besonders gute Idee gewesen war.
Dann verschluckte ihn das blaue Licht.
Doktor Thangs genialer Plan
Willi landete in einer metallischen Röhre im Inneren der Untertasse. Überall sausten Roboter herum. Kleine Roboter, große Roboter, Roboter auf Rädern und Roboter, bei denen Willi überhaupt nicht erkennen konnte, wozu sie gut waren.
Alle bewegten sich in dieselbe Richtung.
Willi folgte ihnen. Nicht weil er wusste, wohin sie gingen. Aber irgendwo musste man schließlich anfangen.
Der Gang führte in eine riesige Halle. Willi versteckte sich hinter einer Maschine und lugte vorsichtig hervor.
Dann hörte er eine Stimme, die er sehr gut kannte.
„Ist das nicht der genialste Plan, den ich jemals hatte?“
Willi schloss kurz die Augen.
Doktor Thang.
Natürlich.
Neben ihm stand Thangine.
„Alle glauben, wir wollen mit den Monsterrobotern Beijing erobern“, erklärte Thang.
„Dabei sind die Roboter nur eine Ablenkung“, sagte Thangine.
Doktor Thang rieb sich die Hände.
Willi mochte es nicht, wenn Doktor Thang sich die Hände rieb. Das bedeutete meistens Ärger.
„Während alle auf die Roboter schauen, holen wir uns die Statue des geheimnisvollen Yang Li aus dem Kaiserpalast!“
Thang erklärte, dass die Statue besondere Kräfte besitzen sollte. Zusammen mit seiner neuen Weltbeherrschungsmaschine könne er damit die Gedanken aller Menschen lenken.
„Dann machen alle genau das, was ich will!“
Willi dachte nach.
Das klang anstrengend.
Wenn alle Menschen machten, was Doktor Thang wollte, musste Doktor Thang schließlich auch wissen, was acht Milliarden Menschen den ganzen Tag tun sollten. Vermutlich hatte er darüber nicht nachgedacht.
Doktor Thang dachte selten über die anstrengenden Teile seiner Pläne nach.
Willi dagegen dachte im Augenblick vor allem darüber nach, wie schön es wäre, sich irgendwo hinzulegen.
Aber daraus würde wohl wieder nichts.
Er schlich zurück in den Gang.
Jetzt brauchte er einen Plan.
Zwei Statuen
Zwei Stunden später saß Spinnenwilli in einem Geheimgang unter dem Kaiserpalast. Vor ihm stand Doktor Thangs Weltbeherrschungsmaschine.
Sie war ungefähr so groß wie ein Kleinbus und bestand aus Kabeln, blinkenden Lampen, Hebeln, Bildschirmen und mindestens drei Dingen, bei denen Willi keine Ahnung hatte, wozu sie dienten. In der Mitte war ein Platz für die Statue vorgesehen.
Willi hörte Schritte.
Doktor Thang und Thangine kamen.
„Wir haben sie!“, rief Thang und hielt eine kleine Statue in die Höhe.
Thangine setzte sie in die Maschine und befestigte mehrere Kabel daran. Doktor Thang setzte einen silbernen Helm auf.
Willi musste sich auf die Lippe beißen. Der Helm sah ziemlich lächerlich aus.
„Noch einen Augenblick“, sagte Thang, „und ich beherrsche die Welt!“
Auf einem Bildschirm erschien:
ACHTUNG! WELTBEHERRSCHUNG!
Willi schüttelte den Kopf.
Falls Doktor Thang irgendwann einen Kurs für geheime Pläne besuchen würde, sollte er beim Thema „Unauffälligkeit“ besonders gut aufpassen.
Thangine legte den Hauptschalter um.
Zuerst geschah nichts.
Dann leuchtete die Statue violett. Doktor Thangs Helm begann zu vibrieren. Seine Haare stellten sich kerzengerade nach oben.
„Was ist denn jetzt los?“
Rauch quoll aus dem Helm.
„Aaaaaah!“
Thang riss ihn herunter und warf ihn auf den Boden. Der Helm hüpfte zweimal und blieb rauchend liegen.
Thangine schaltete die Maschine aus und riss die Statue aus ihrer Halterung. Sie drehte sie um.
Auf der Unterseite stand:
Viele Grüße von Spinnenwilli.
Daneben war eine kleine Spinne gemalt.
Thangine wurde rot im Gesicht.
„SPINNENWILLI!“
Willi trat hinter einem Stapel Kisten hervor.
„Hallo.“
Doktor Thang zeigte auf die Statue.
„Was hast du gemacht?“
„Sie ausgetauscht.“
Während Doktor Thang und Thangine in der Untertasse gewesen waren, hatte Willi die echte Statue versteckt und eine Kopie gebaut. Keine besonders schöne Kopie. Aber offensichtlich eine ziemlich wirksame.
Sie leitete die Kraft der Maschine dorthin zurück, wo sie herkam.
„Das war mein Lieblingshelm!“, jammerte Thang.
Willi betrachtete das rauchende Ding auf dem Boden.
„Warum?“
Sehr viele Roboter
Doktor Thang antwortete nicht. Stattdessen sprang er zu einem großen roten Knopf und schlug darauf.
Hinter ihm fuhren die Wände auseinander.
Dahinter standen Monsterroboter.
Viele Monsterroboter.
Sehr viele Monsterroboter.
Willi zählte bis zwölf und hörte dann auf. Ihre Kreissägen begannen gleichzeitig zu surren.
„Das ist jetzt weniger gut“, sagte Willi.
Die Roboter rückten näher. Rechts war kein Ausgang. Links auch nicht. Über die Roboter kam er ebenfalls nicht hinweg. Die Decke war zu niedrig und die Roboter zu groß.
Willi sah sich noch einmal um.
Was würdest du tun?
Willi wusste es auch nicht.
Noch nicht.
Dann entdeckte er einen Rauchmelder an der Decke.
Er sah den Rauchmelder an. Dann die Roboter. Dann wieder den Rauchmelder.
„Das könnte entweder sehr schlau oder sehr dumm sein.“
Er schleuderte einen Spinnenfaden an die Decke und zog sich daran hoch. Aus seinem Gürtel holte er ein Feuerzeug.
Die Roboter kamen näher.
Willi hielt die Flamme unter den Rauchmelder.
Nichts.
„Komm schon.“
Die Kreissäge eines Roboters erwischte seinen Anzug.
RATSCH.
Ein großes Stück Stoff hing plötzlich von Willis Hinterteil.
Willi sah nach unten.
„Oh nein.“
In diesem Augenblick klingelte das Spinnenwilli-Fon.
Willi starrte auf seine Hosentasche.
„Jetzt nicht!“
Es klingelte weiter.
„Ich rette gerade die Welt!“
Der Rauchmelder blieb still.
Die Roboter kamen näher.
„Bitte.“
PIEP!
Willi grinste.
PIEP! PIEP! PIEP!
Aus der Decke schossen Wasser und Löschschaum. Die ersten Roboter zuckten. Einer fuhr rückwärts. Ein anderer drehte sich immer schneller im Kreis. Ein dritter hob seine vier Arme, gab ein trauriges „Pfffft“ von sich und blieb stehen.
Dann blitzte und knisterte es überall.
Nach wenigen Sekunden war die gesamte Roboterarmee außer Gefecht.
Doktor Thang stand mitten im Schaum. Thangine auch.
Willi hing an seinem Faden unter der Decke.
Das Spinnenwilli-Fon klingelte immer noch.
Willi nahm ab.
„Ja?“
Er hörte kurz zu.
„Nein. Die Welt ist schon gerettet.“
Pause.
„Ja. Gern geschehen.“
Er legte auf und gähnte.
„Kann ich jetzt bitte Urlaub machen?“
Die grüne Tür
Willi verschnürte Doktor Thang und Thangine mit dicken Spinnenfäden und rief die Polizei.
Damit wäre die Sache erledigt gewesen.
Eigentlich.
Doch plötzlich begann Doktor Thang herumzurutschen.
„Ich muss aufs Klo.“
Willi sah ihn an.
„Nein.“
„Was heißt hier nein?“
„Das heißt nein.“
„Aber ich muss wirklich dringend!“
Thangine verzog das Gesicht.
„Willi, bitte. Ich bin mit ihm zusammengebunden.“
Doktor Thang jammerte weiter. „Ganz dringend! Wirklich ganz, ganz dringend!“
Willi wusste genau, dass man Doktor Thang niemals trauen durfte.
Dann sah er die Tür.
Grün.
Mit einem rosa Herz darauf.
Willi starrte sie an.
„Nicht schon wieder.“
Doktor Thang sah besonders unschuldig aus.
Das machte die Sache nicht besser.
„Bitte“, jammerte er.
Willi schüttelte den Kopf.
„Auf keinen Fall.“
„Willi!“
„Nein.“
„Ich kann wirklich nicht mehr!“
Thangine wurde blass.
„Willi. Bitte.“
Willi schloss kurz die Augen.
Er war müde.
Sehr müde.
Vielleicht lag es daran.
Vielleicht war Doktor Thang auch einfach sehr überzeugend, wenn er dringend aufs Klo musste.
Willi seufzte.
„Also gut. Aber nur kurz.“
Er löste Doktor Thang aus den Fäden.
Thang verschwand hinter der grünen Tür mit dem rosa Herzchen.
Willi wartete.
Nach einer Minute wurde er misstrauisch. Nach drei Minuten noch misstrauischer. Nach fünf Minuten klopfte er.
„Thang?“
Keine Antwort.
„Doktor Thang?“
Nichts.
Willi trat gegen die Tür.
Sie sprang auf.
Dahinter war keine Toilette.
Auch kein Doktor Thang.
Dort war nur ein tiefes schwarzes Loch.
Willi starrte hinein.
„Nicht. Schon. Wieder.“
Hinter ihm begann Thangine zu lachen.
„Er hat dich ausgetrickst!“
Willi drehte sich zu ihr um.
„Ja.“
Dann sah er auf das Netz, in dem sie noch immer feststeckte.
„Du bist aber immer noch gefangen.“
Thangine hörte auf zu lachen.
Sieben Tage
Die Polizei holte Thangine ab. Überall in Beijing blieben die Monsterroboter stehen, und die Untertassen schwebten langsam zu Boden. Die Statue des Yang Li kam zurück an ihren Platz.
Und die Welt war gerettet.
Wieder einmal.
Willi zog seinen Spinnenwilli-Anzug aus. Das Loch am Hosenboden war kaum zu übersehen. Er stopfte den Anzug ganz unten in seinen Rucksack.
Vielleicht merkte es niemand.
Dann nahm er seinen Fotoapparat und seinen Reiseführer.
Der Kaiserpalast war noch da.
Ein Eis vermutlich auch.
Willi rechnete nach.
Von seiner Urlaubswoche waren noch sechs Tage übrig.
Sechs ganze Tage.
Vielleicht würde es jetzt endlich funktionieren.
Da klingelte sein Spinnenwilli-Fon.
Willi blieb stehen.
Das Telefon klingelte.
Und klingelte.
Er sah es an.
Nur die allerwichtigsten Menschen der Welt hatten diese Nummer.
Also war es vermutlich wichtig.
Sehr wichtig.
Willi gähnte.
Dann öffnete er seinen Rucksack, legte den Reiseführer über das Spinnenwilli-Fon und machte den Reißverschluss zu.
„Fünf Minuten“, sagte er. „Die Welt kann fünf Minuten warten.“
Dann ging Spinnenwilli ein Eis essen.
