Direkt nach unserer Ankunft im Lancaster County steuern wir das Amish Village an.
Wir haben Glück. Fast ohne Wartezeit können wir an einer Führung durch das historische Farmhaus teilnehmen und anschließend mit einem kleinen Bus durch das Amish Country fahren. Unsere Führerin ist selbst keine Amish, kennt sich aber gut aus. Wir lernen eine Menge über Bräuche, Regeln und den Glauben dieser Gemeinschaft, deren Wurzeln in der täuferischen Bewegung des deutschsprachigen Europas liegen. Als eigene Gruppe entstanden die Amish Ende des 17. Jahrhunderts vor allem in der Schweiz und im Elsass.
Wir lernen, wie man eine Amish-Farm erkennt.
Wir sehen Schulhäuser.
Wäscheleinen.
Werkstätten.
Schwarze Kutschen.
Nur eine echte Begegnung haben wir zunächst nicht.
Am Abend fahren wir über eine Landstraße, als plötzlich eine dieser legendären schwarzen Pferdekutschen an uns vorbeikommt. Nicht auf dem Gelände eines Museums. Nicht als folkloristische Vorführung. Einfach als alltägliches Verkehrsmittel.
Ein Mann fährt nach Hause. Oder zum Einkaufen. Oder wohin man an einem frühen Abend im Lancaster County eben mit einer Pferdekutsche fährt.
Vor dem örtlichen Supermarkt steht ein langer Riegel, an dem man sein Pferd anbinden kann. Daneben parken Pick-ups, SUVs und unser Mietwagen.
Zwei Welten, friedlich auf demselben Parkplatz.
Ich weiß nicht genau, welcher Instinkt in uns dadurch geweckt wird.
Jedenfalls beschließen wir, dass diese eine Kutsche unmöglich schon alles gewesen sein kann. Wir fahren weiter.
Sehr aufmerksam.
Plötzlich beurteilen wir Straßen nicht mehr danach, ob sie zu unserem Airbnb führen, sondern nach ihrer mutmaßlichen Kutschendichte.
Breite Landstraße: eher schlecht.
Kleine Straße zwischen Farmen: vielversprechend.
Kreuzung mit guter Sicht in alle Richtungen: strategisch hervorragend.
Wir positionieren unseren Mietwagen so, dass wir den Verkehr beobachten können, ohne allzu auffällig auszusehen. Zumindest glauben wir das. Vermutlich sehen wir aus wie zwei Deutsche, die mit einem Mietwagen am Straßenrand stehen und nicht wissen, wo sie hinwollen.
Eine Weile passiert nichts.
Dann kommt ein Auto.
Noch ein Auto.
Ein Pick-up.
Ein Traktor.
Keine Kutsche.
Wir ändern die Position. Vielleicht haben wir den falschen Korridor gewählt. Vielleicht liegt der Berufsverkehr der Pferdekutschen bereits hinter uns. Vielleicht gibt es eine Route, die nur Einheimische kennen. Unsere Kenntnisse über das Verkehrsverhalten der Amish bewegen sich weiterhin nahe null. Unser Ehrgeiz wächst trotzdem.
Schließlich werden wir erfolgreich.
Eine schwarze Kutsche taucht auf, kommt langsam näher und fährt an uns vorbei.
Wir freuen uns unverhältnismäßig.
Nicht, weil wir besonders schlau recherchiert oder uns taktisch brillant positioniert hätten. Einfach, weil wir gefunden haben, was wir gesucht haben.
Später merken wir, dass Pferdekutschen rund um Lancaster tatsächlich zum Alltag gehören. Man muss sich nicht auf die Lauer legen. Man muss nur lange genug über Land fahren.
Am Abend sitzen wir in Adirondack Chairs an der Feuerstelle unseres Airbnb. Der Adrenalinspiegel ist wieder auf Normalniveau gesunken.
Und wir beginnen ernsthafter über die Amish nachzudenken. Bis heute bleibt davon eine eigentümliche Mischung aus Nichtverstehen und Respekt. Wir verstehen nicht, warum jemand sein Leben so konsequent nach Regeln ausrichtet, die viele Möglichkeiten der modernen Welt bewusst ausschließen. Wir würden dieses Leben nicht wählen.
Aber Respekt ist nicht dasselbe wie Zustimmung.
Wir respektieren die Konsequenz, mit der sich die Amish von einem Teil des Wirrwarrs und der ständigen Beschleunigung unserer Gesellschaft entkoppeln.
Wir respektieren, wie sichtbar Gemeinschaft, Verbindlichkeit und Fleiß ihren Alltag prägen.
Und wir respektieren, dass die Entscheidung zur formellen Mitgliedschaft zumindest ihrem religiösen Verständnis nach freiwillig sein soll. Die Amish praktizieren die Erwachsenentaufe. Wer die Gemeinschaft vor der Taufe verlässt, unterliegt keiner formellen kirchlichen Sanktion. Wer sich taufen lässt, verpflichtet sich dagegen auf Lebenszeit zur Kirche und ihrer Ordnung. Das ist Freiheit – aber sicher keine Freiheit ohne soziale und familiäre Schwerkraft.
Die Amish lehnen Technik nicht grundsätzlich als böse ab. Entscheidend ist eher die Frage, was eine Technik mit der Gemeinschaft macht: Schafft sie Abhängigkeit von der Außenwelt? Fördert sie Individualismus? Verändert sie den Rhythmus des Zusammenlebens? Deshalb kann der Anschluss an das öffentliche Stromnetz verboten sein, während Batterien, Solarenergie oder andere lokal kontrollierbare Energiequellen unter bestimmten Umständen erlaubt werden.
Besonders anschaulich wird das dort, wo jahrhundertealte Traditionen auf moderne Geräte treffen.
Zum Beispiel bei einer Küchenmaschine.
Elektrischer Strom aus dem öffentlichen Netz ist nicht erlaubt. Also wird die Maschine mit Druckluft betrieben. Die Druckluft wiederum erzeugt ein Traktor. Der darf eingesetzt werden, weil seine Verwendung für landwirtschaftliche Zwecke legitimiert ist. Oder jedenfalls legitimierbar.
Von außen betrachtet wirkt das wie ein technisch aufwendiger Umweg um den Geist einer Regel herum. Fast wie ein religiös genehmigter Lifehack. Doch vielleicht betrachten wir die Sache falsch.
Möglicherweise geht es gar nicht darum, jede technische Funktion vollständig zu verhindern. Es geht darum, eine Grenze sichtbar zu halten. Die Küchenmaschine darf arbeiten – aber nicht so selbstverständlich und unsichtbar an einer Infrastruktur hängen, die jeden Haushalt mit derselben modernen Welt verbindet.
Der Umweg ist dann kein Fehler im System. Er ist das System.
Auf einer späteren Etappe unserer Reise begegnen uns auch an den Finger Lakes wieder Amish-Familien. Die Gemeinschaft expandiert. Auch das ist bemerkenswert. Eine Lebensform, die aus unserer Perspektive voller Einschränkungen steckt, scheint für genügend junge Menschen attraktiv zu bleiben, um nicht nur zu überleben, sondern neue Räume zu benötigen.
Das heißt nicht, dass wir sie romantisieren sollten. Gemeinschaft kann tragen, sie kann aber auch einengen. Tradition kann Orientierung geben, sie kann aber auch Erwartungen festschreiben, denen man nur schwer entkommt. Von außen sehen wir Zusammenhalt, handwerkliche Qualität und einen entschleunigten Alltag. Wie sich das Leben von innen anfühlt, können wir nach einem Museumsbesuch, einer Bustour und zwei erfolgreich gesichteten Pferdekutschen nicht beurteilen.
Aber die technischen Umwege beschäftigen uns weiter. Und plötzlich erscheinen sie gar nicht mehr so weit weg. Unser neuer Kühlschrank zu Hause besitzt einen Sabbat-Modus. Ich habe ihn in der Bedienungsanleitung entdeckt.
Weil das Betätigen eines Schalters und das dadurch ausgelöste Einschalten eines Geräts nach bestimmten jüdischen Auslegungen als Arbeit gelten kann, bleibt im Sabbat-Modus das Licht aus, wenn man die Kühlschranktür öffnet. Auch Anzeigen und automatische Reaktionen werden so gesteuert, dass die Benutzung nicht unmittelbar eine neue Aktion auslöst.
Ein hochmoderner Kühlschrank wird so konstruiert, dass er mit einer jahrtausendealten religiösen Vorschrift vereinbar ist. Plötzlich wirkt die druckluftbetriebene Küchenmaschine weniger wie eine Kuriosität aus einer fremden Welt.
Die Grundfrage ist dieselbe:
„Wie bewahren Gemeinschaften alte Überlieferungen, wenn jede technische Neuerung neue Auslegungen verlangt?“
Vielleicht lautet sie noch grundsätzlicher:
„Wie erhält man ein Wertegerüst, wenn man auf einem Karussell permanenter Veränderungen sitzt?“
Wir modernen Menschen erzählen uns gern, dass wir einfach vernünftig entscheiden. Neue Technik kommt. Wir prüfen ihren Nutzen. Dann verwenden wir sie – verantwortungsvoll natürlich.
So einfach ist es nicht. Auch wir ziehen Grenzen. Wir versuchen es zumindest.
Wir diskutieren über Bildschirmzeiten, soziale Medien, künstliche Intelligenz, Gentechnik und die Frage, wann Erreichbarkeit zur Zumutung wird. Wir schalten Benachrichtigungen ab, richten Jugendschutzfilter ein und kaufen Geräte, die uns dabei helfen sollen, weniger von unseren Geräten abhängig zu sein.
Vielleicht unterscheiden wir uns von den Amish weniger darin, ob wir Technik begrenzen wollen. Der Unterschied liegt darin, wo wir die Grenze ziehen, wer sie festlegt und welche Werte sie schützen soll. Die Regeln der Amish wirken auf uns widersprüchlich, weil wir ihre innere Logik nicht teilen.
Unsere eigenen Widersprüche fallen uns weniger auf. Wir fahren ein Auto, um eine Gemeinschaft zu beobachten, die Autos ablehnt. Wir suchen mit dem Smartphone nach Orten, an denen Menschen bewusst ohne viele digitale Technologien leben. Und wir legen uns mit einem Mietwagen taktisch an eine Kreuzung, um einen Mann zu sehen, der mit einer Pferdekutsche wahrscheinlich nur auf dem Heimweg ist.
Vielleicht war das am Ende das treffendste Bild unseres Besuchs.
Die Amish gingen ihrem Alltag nach.
Wir waren die Exoten.
