Von Cavallino nach Chioggia sind es auf dem Festland mehr als 80 Kilometer. Man muss weit um die Lagune herumfahren.
Mit dem Fahrrad geht es deutlich direkter.
Vom Union Lido nach Punta Sabbioni, mit dem Schiff nach Lido di Venezia, über den Lido zur Fähre nach Pellestrina, die schmale Insel hinunter und von dort noch einmal mit dem Boot nach Chioggia.
Fast geradeaus durch die Lagune.
Die offizielle Radroute über Lido und Pellestrina ist als E5 ausgeschildert und wird auch von der Region Veneto beworben. Der Teil zwischen Chioggia und Lido ist rund 35 Kilometer lang; mit der Anfahrt vom Union Lido kommen wir auf ungefähr 40 Kilometer pro Richtung – Fährstrecken eingeschlossen.
Das Besondere daran ist weniger die Entfernung als die Geografie. Lido und Pellestrina sind so schmal, dass man zeitweise fast das Gefühl hat, übers Wasser zu fahren.
Erst einmal Richtung Punta Sabbioni
Wir fahren früh los.
Vom Union Lido nehmen wir nicht die Via Fausta, sondern den neuen Radweg entlang der Lagune. Die sogenannte Via del Respiro führt über mehrere Kilometer an der Via Pordelio entlang und teilweise direkt über dem Wasser. Sie verbindet Cavallino mit Punta Sabbioni und ist inzwischen selbst schon ein Grund, das Fahrrad mitzunehmen.
In Punta Sabbioni kaufen wir am Schalter unsere Tickets.
Wir wollen am nächsten Tag noch auf die Biennale und nehmen deshalb zwei 72-Stunden-Karten. Dazu kommen die Tickets für unsere Fahrräder. 1,50 Euro pro Fahrrad und Fährstrecke.
Am Ende halten wir für diesen einen Ausflug 14 Tickets in der Hand.
Zwei Zeitkarten.
Zwölf Fahrradtickets.
Die Frau am Schalter gibt uns noch einen Tipp. Für die Rückfahrt von Lido nach Punta Sabbioni sollten wir unbedingt Plätze für die Fahrräder reservieren.
Auf Italienisch.
Wir nicken.
Wie wichtig dieser Hinweis werden würde, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Frühstück auf dem Lido
Zuerst fahren wir mit dem Schiff nach Lido di Venezia.
Vianello musste an diesem Morgen ausfallen. Wir wollten möglichst früh über die Lagune. Deshalb holen wir den Cappuccino und das Hörnchen auf dem Lido nach.
Während der Überfahrt beschäftige ich mich mit der ACTV-Website und suche nach der Fahrradreservierung.
Sie existiert tatsächlich.
Seit 2026 können auf den Linien 14 zwischen Punta Sabbioni und Lido sowie 11 zwischen Chioggia und Pellestrina Fahrradplätze reserviert werden. Pro Abfahrt stehen dafür maximal vier Plätze zur Verfügung. Die Reservierung ist kostenlos, das Fahrradticket braucht man trotzdem.
Bis ich herausgefunden habe, wie das funktioniert, ist ein Teil der Überfahrt vorbei.
Man muss sich registrieren. Dann lässt sich für einen bestimmten Abfahrtstermin ein Platz für ein Fahrrad buchen. Nicht gleich für beide Räder einer Reisegruppe.
Umständlich.
Und vier Plätze pro Schiff sind auch nicht gerade üppig.
Wir merken uns das für die Rückfahrt.
Über den Lido
Nach dem Frühstück fahren wir zunächst an der Südostseite des Lido entlang.
Vorbei an den Strandbädern, den Gebäuden der Filmfestspiele und am Hotel Excelsior. Ob wir dabei immer auf einem Fahrradweg unterwegs sind oder manchmal auf einem Fußweg, ist nicht ganz eindeutig.
Später wechseln wir auf die andere Seite der Insel.
Dort geht es durch Wohngebiete und weniger fotogene Abschnitte, teilweise an Gewerbe und Industrie vorbei. Der Weg ist eher eine Art Fahrradroute als ein durchgehend perfekter Radweg, aber viel Autoverkehr gibt es nicht.
Bei Malamocco kommen wir wieder ans Meer. Da wird es dann auch wieder richtig schön.
In Alberoni folgt man der Straße zunächst weg vom Wasser. Vor der großen Brücke führen die Fahrradschilder rechts über eine kleinere Brücke zurück Richtung Küste.
Wir folgen dem Radweg bis zum Fähranleger Alberoni Rocchetta.
Die Fähre, auf der auch der Linienbus fährt
Hier nehmen wir die Linie 11 nach Pellestrina.
Wieder zwei Fahrradtickets.
Die Fähre ist ein richtiges Ferryboat. Autos fahren darauf, außerdem der Linienbus, der Lido und Pellestrina miteinander verbindet.
Unsere Fahrräder haben da leicht Platz.
Pellestrina
Auf Pellestrina fahren wir kurz nach der Ankunft wieder rechts Richtung Meer.
Und ab hier beginnt für uns der schönste Abschnitt der Tour.
Die Insel ist nur ein schmaler Streifen zwischen Lagune und Adria. Wir fahren durch kleine Orte, vorbei an Häusern, Booten, Mauern und freien Flächen. Fast immer liegt das Wasser direkt neben uns.
In den Ortschaften führen die Wege teilweise durch Fußgängerbereiche. Dort weisen Schilder darauf hin, dass Fahrräder geschoben werden sollen.
Meistens tun wir das auch.
Das kostet kaum Zeit.
Und die Alternative wäre die Straße auf der anderen Seite der Insel. Die funktioniert, ist aber nicht annähernd so schön.
Am südlichen Ende von Pellestrina kann man noch einen Abstecher zu den Murazzi machen. Eine kilometerlange Kaimauer mit einem schmalen Fußweg, die hier das Einzige ist, was die Lagune von Venedig vom offenen Meer trennt.
Früher sind wir hier einmal mit dem Rad gefahren. Spektakulär, aber ein bisschen scary: Der Weg ist schmal, und daneben ist ziemlich unmittelbar Wasser.
Heute ist dort Fahrradfahren verboten. Die Murazzi sind aber auch einen Abstecher zu Fuß wert.
Dann geht es zurück zum Anleger.
Noch einmal zwei Fahrradtickets.
Und mit dem Schiff weiter nach Chioggia.
Klein-Venedig?
Über Chioggia liest man gelegentlich: Venedig ohne Touristen.
Oder Klein-Venedig.
Einzelne Fotos geben das tatsächlich her.
Kanäle, Brücken, schmale Häuser, Boote.
Aber Chioggia ist nicht Venedig. Dafür ist es zu klein, und vielleicht tut man dem Ort auch keinen Gefallen, wenn man ihn mit seinem riesigen Nachbarn vergleicht.
Als Ziel einer Fahrradtour ist es trotzdem großartig.
Wir stellen die Räder ab, laufen ein wenig herum und gehen Mittagessen.
Und weil wir inzwischen gelernt haben, wie das Reservierungssystem funktioniert, kümmern wir uns gleich um die Rückfahrt.
Einen Fahrradplatz für jeden von uns von Chioggia nach Pellestrina.
Und vor allem je einen für die Fähre gegen 17 Uhr von Lido zurück nach Punta Sabbioni.
Wir sind vorbereitet.
Glauben wir.
Zurück
Der Rückweg über Pellestrina und Lido ist genauso schön wie die Hinfahrt.
Das ist einer der Vorteile dieser Tour: Man fährt zwar denselben Weg zurück, aber durch die schmalen Inseln und die wechselnden Perspektiven auf Meer und Lagune fühlt es sich nicht wie eine lästige Wiederholung an.
Auf dem Lido haben wir noch Zeit.
Wir trinken in Ruhe einen Kaffee.
Gegen 16:45 Uhr stellen wir uns mit unseren Fahrrädern in den markierten Bereich am Fährterminal. Unsere Plätze für die 17-Uhr-Verbindung sind reserviert.
Vor uns warten vier Italienerinnen und Italiener. Sie wirken bereits etwas nervös.
Hinter uns steht ein Deutscher, der sich maßlos darüber aufregt, dass er nur einen Fahrradplatz reservieren konnte und nicht gleich einen zweiten für seine Frau.
Dann kommt unser Schiff.
Es ist voll.
Nicht ziemlich voll.
Voll.
Der Strom von Touristen, die von Venedig zurückkehren, ist erdrückend. An Fahrradmitnahme ist nicht zu denken.
Unsere Reservierung hilft uns nicht.
ACTV schreibt zwar, dass eine Reservierung grundsätzlich die Fahrradmitnahme sichert, behält dem Kapitän aber ausdrücklich vor, aus Sicherheitsgründen anders zu entscheiden. Fahrräder werden grundsätzlich nur im Rahmen der jeweils zulässigen Kapazität mitgenommen.
Wir bleiben also stehen.
Für das nächste Schiff haben wir naturgemäß schon keine Reservierung mehr.
Und die maximal vier reservierbaren Fahrradplätze sind dort längst an andere vergeben.
Plan B und Plan C
Auch das nächste Schiff löst unser Problem nicht.
Die vier Italiener vor uns geben irgendwann auf.
Sie gehen essen.
Wir stehen also ganz vorne. Um uns herum: Unsicherheit, Unmut, Aufregung, zunehmend unfreundliche Diskussionen mit dem Mann, dessen Aufgabe es ist, den Strom der ein- und aussteigenden Gäste zu koordinieren. Irgendwann fängt er an zu telefonieren.
Wir haben inzwischen Zeit genug gehabt, Alternativen zu entwickeln.
Plan B: ebenfalls auf dem Lido essen gehen und viel später zurückfahren, wenn der große Tagesausflüglerstrom vorbei ist.
Plan C: Fahrräder auf dem Lido anschließen, ohne sie nach Punta Sabbioni übersetzen und am nächsten Morgen wiederkommen.
Beides wäre machbar, gefällt uns aber nicht.
Dann kommt gegen 18:30 Uhr ein zusätzliches Boot, kurz hinter dem regulären, das – natürlich – auch wieder voll gewesen war.
Und diesmal passen wir und unsere Fahrräder drauf.
Geduld kann manchmal ein Verkehrsmittel sein.
Pizza statt Abendessen
In Punta Sabbioni sitzen wir wieder auf unseren Rädern.
Jetzt müssen wir nur noch zurück zum Union Lido.
Der Radweg an der Lagune ist auch abends schön. Nach einem langen Tag und deutlich später als geplant nimmt man das allerdings etwas nüchterner zur Kenntnis als am Morgen.
Unsere ursprünglichen Pläne fürs Abendessen sind hinfällig.
Es gibt Pizza zum Mitnehmen von Pizza&Sapori.
Auch gut.
Würden wir die Tour wieder fahren?
Sofort.
Die Verbindung aus Radfahren und Schiff, aus Lagune, Lido, Pellestrina und Chioggia macht die Tour ungewöhnlich. Und obwohl man zweimal über dieselben Inseln fährt, fühlt sie sich nie wie eine klassische Hin-und-zurück-Strecke an.
Aber wir würden die Rückfahrt anders planen.
Das Problem ist nicht Alberoni–Pellestrina. Dort fährt ein großes Ferryboat, das auch Autos und Busse transportiert.
Etwas kritisch ist auch Pellestrina–Chioggia. Aber Chioggia ist ein Abstecher, auf den man im Zweifel verzichten kann.
Lido–Punta Sabbioni dagegen muss man zurück.
Mit Fahrrädern kann das richtig unangenehm werden.
Die neue Fahrradreservierung ist sinnvoll. Wir würden uns nur nicht darauf verlassen, dass damit alles erledigt ist.
Eine Reservierung gilt für genau eine Abfahrt. Kommt man dort wegen Überfüllung nicht mit, braucht man für das nächste Schiff einen neuen Slot – und der kann längst vergeben sein.
Es gibt deshalb noch eine andere Variante, über die wir heute ernsthaft nachdenken würden:
Ohne eigene Fahrräder nach Lido fahren und dort Räder mieten.
Die Strecke über Lido und Pellestrina verlangt kein besonderes Fahrrad. Und am Ende des Tages steigt man einfach ohne Räder aufs Schiff nach Punta Sabbioni.
Aber möglicherweise deutlich entspannter.
Und wenn wir doch wieder unsere eigenen Fahrräder mitnehmen?
Dann würden wir erneut reservieren.
Und trotzdem Plan B und Plan C im Kopf behalten.




