Wir können bis heute nicht genau sagen, warum uns Provincetown so gut gefallen hat.

An den Häusern allein lag es nicht. Auch nicht nur am Meer. Nicht an den Restaurants, den kleinen Läden oder den Fahrrädern, die überall durch die schmale Stadt rollen. Es war eher ein Gefühl.

Provincetown fühlte sich leicht an. Offen. Bunt. Manchmal ein wenig irritierend. Aber auf eine angenehme Weise. Einfach „Good Vibrations“.

Wir waren als Hetero-Paar dort gelegentlich fast die Exoten. Nicht besonders beachtet, einfach nur nicht die selbstverständliche Norm. Und erstaunlicherweise fühlte sich genau das gut an. Es kann angenehm sein, für eine Weile nicht der Mainstream zu sein.

Am deutlichsten wurde uns das in einer kleinen Drag-Show. Die Künstlerin hieß Paige Turner. „Paige Turner“ – no joke!

Wir sind Deutsche. Deshalb stehen wir dreißig Minuten vor Beginn am Einlass des kleinen Theaters. Wir sind in Amerika. Deshalb beginnt die Show schon am späteren Nachmittag. Noch ist fast niemand da. Wir erobern Plätze direkt hinter den ausgewiesenen VIP-Reihen, bestellen Getränke und gratulieren uns innerlich zu unserer hervorragenden Planung. Früh da. Gute Plätze. Keine Hektik.

Die Reihen vor uns bleiben leer.

Klar, denken wir. Wer zahlt schon fünf Dollar extra, nur um zwei Meter weiter vorne zu sitzen?

Langsam füllen sich die Reihen hinter uns.

Dann geht alles ganz plötzlich. Fünf Minuten vor Beginn füllt sich der VIP-Bereich schlagartig. Da wird auch klar, was „VIP“ hier wirklich bedeutet.

Innerhalb weniger Augenblicke sitzen vor uns Menschen, die Paige Turner kennen. Sie kennen die Filme. Sie kennen die Figuren. Sie kennen die Songs. Sie gehören dazu. Sie kennen die Pointen oft schon weit bevor wir überhaupt verstanden haben, worauf sie hinauslaufen.

Das Playback spielt „If You Wanna Be My Lover“ von den Spice Girls.

Die Reihen vor uns singen nicht mit. Sie übernehmen.

Angie und ich sitzen dahinter und versuchen, kulturell Anschluss zu halten. Mit begrenztem Erfolg. Manchmal gibt es einen ausdrücklichen Hetero-Witz. Für einen kurzen Moment fühlen wir uns repräsentiert.

Die Show ist der Brüller. Laut, schnell, komisch. Voll von Referenzen, von denen uns manche vertraut sind und andere vollkommen entgehen. Und das macht nichts schlechter.

Wir müssen nicht alles verstehen, um Spaß zu haben. Wir müssen nicht dazugehören, um willkommen zu sein. Wir sitzen in unserer Bank, trinken unsere Getränke und lassen uns mitreißen.

Am nächsten Tag fahren wir aufs Meer hinaus. Schon zum zweiten Mal: Whale Watching.

Wale verführen zu großen Worten. Wir versuchen es ohne. Sie sind keine mystischen Wesen. Sie erscheinen nicht, um uns etwas über das Leben zu lehren. Sie senden keine Botschaft. Sie interessieren sich vermutlich überhaupt nicht für unsere Anwesenheit.

Und gerade das ist beeindruckend. Sie sind gewaltig. Sie tauchen neben dem Boot auf. Sie gleiten darunter hindurch. Sie verschwinden. Dann tauchen sie wieder auf. Manchmal wirken ihre Bewegungen fast spielerisch. Sie schwimmen, drehen sich, zeigen Rücken, Flossen, manchmal den ganzen massigen Körper für einen kurzen Moment.

Das Boot ist voller Menschen. Kameras klicken. Alle schauen. Die Wale tun, was sie tun. Sie sind nicht für uns da. Wir haben nur das Glück, zur richtigen Zeit in ihrer Nähe zu sein. Auch hier sind wir nicht das Zentrum. Nicht einmal annähernd. Auf dem Meer sind wir Beobachter. Kurzzeitig geduldet. Unwichtig. Und vollkommen fasziniert. Berührt.

Vielleicht passen die Drag-Show und die Wale deshalb besser zusammen, als man zunächst denkt. In Provincetown waren wir zweimal nicht die Mitte der Welt, nicht einmal in unserer eigenen Wahrnehmung.

Vielleicht ist Provincetown ein Ort, an dem es genauso möglich wie erlaubt ist, sein Leben einfach zu genießen. Niemand muss alles verstehen. Niemand muss irgendwo hineinpassen. Offenbar muss auch niemand dreißig Minuten vor einer Drag-Show am Einlass stehen.

Außer uns. Aber wir stehen dazu.