Wir fahren mit dem Sightseeing-Bus durch New York City, vom Times Square bis zur Südspitze von Manhattan. Vor dreißig Jahren waren wir schon einmal hier. Die Stadt ist noch immer faszinierend, sie pulsiert noch immer und sie schläft wahrscheinlich tatsächlich nie.

Schon die Ankunft hatte uns wieder überwältigt: die Straßenschluchten, der Verkehr, die Menschen, die Geräusche, die Dichte. Über allem die Gebäude, die man längst kennt, bevor man sie wieder vor sich sieht.

Das Empire State Building. Das Rockefeller Center. Die Radio City Music Hall. Der Central Park. One Vanderbilt, wo die Stadt sich in Spiegeln, Glas und Höhe noch einmal selbst inszeniert. Das 9/11 Memorial und das Museum, bedrückend und außergewöhnlich.

Und immer wieder der Blick über den Hudson von Weehawken aus: Manhattan als ganze, beinahe unwirkliche Skyline.

New York ist keine Stadt, die man einfach besichtigt. Sie zieht einen hinein. Sie fordert Aufmerksamkeit, Kraft und Zeit – und gibt dafür ständig neue Bilder zurück. Wir bleiben deshalb länger als geplant. Nicht, weil wir noch einen bestimmten Programmpunkt abhaken müssten. Sondern weil wir nicht genug kriegen können von dieser Stadt.

Und trotzdem ist das Gefühl anders als vor dreißig Jahren. Damals kam uns New York vor wie eine Ikone der Zukunft. Oder besser: wie Realität gewordene Zukunft. Heute wirkt vieles auf uns, als sei es stehen geblieben.

Das Empire State Building ist noch immer der schönste Wolkenkratzer.

Das ist ein Kompliment. Aber vielleicht auch ein Symptom.

Wir besuchen die Radio City Music Hall. Die Rockettes fühlen sich an wie aus einer anderen Zeit. Für viele amerikanische Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Tour sind sie der absolute Höhepunkt, vielleicht sogar ein Höhepunkt von New York selbst.

Man spürt, wie sehr diese Stadt nicht nur von ihrer Gegenwart, sondern auch von den Bildern ihrer eigenen großen Vergangenheit lebt.

Am stärksten begegnet uns das Außergewöhnliche ausgerechnet am 9/11 Memorial und im Museum. Dass es ein Ort der Katastrophe ist, wirkt fast bizarr. Fast zynisch.

Vielleicht haben wir uns verändert. Vielleicht hat sich Amerika verändert. Vielleicht hat sich vor allem die Welt um Amerika herum verändert. Im Kopf vergleichen wir New York mit Bangkok, Singapur oder Dubai. Dort haben wir in den vergangenen Jahren etwas von dem gespürt, was wir vor dreißig Jahren in New York empfunden haben: das Gefühl, dass sich hier die Zukunft ihren Weg bahnt.

Nichts davon macht New York unbedeutend.

Im Gegenteil. Es ist noch immer eine der aufregendsten Städte, die wir kennen. Es ist voller Energie, Ideen, Geschichten und Menschen, die irgendwohin wollen. Es besitzt eine Dichte an Bildern und Symbolen, die kaum eine andere Stadt erreicht.

Aber es scheint nicht mehr selbstverständlich der Ort zu sein, an dem die Welt von morgen zuerst sichtbar wird.

Vielleicht verstehen wir einen Teil von „Make America Great Again“ erst dann, wenn wir den Satz nicht nur als Großmannssucht, Rückwärtsgewandtheit oder politische Mobilisierung lesen.

Vielleicht steckt darin auch eine tiefere Sehnsucht: wieder das Land zu sein, von dem die Zukunft ausgeht.

Nicht nur reich, nicht nur mächtig, sondern außergewöhnlich. „Great“ nicht nur als Macht und Größe, sondern als Versprechen: der Ort zu sein, an dem Zukunft Wirklichkeit wird.